Tukan-Preis
Der Preis ist eine Auszeichnung für eine sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung.
Über den Preis
Der Tukan-Preis, dotiert mit 8.000 Euro, ist eine Auszeichnung für eine sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung eine*r Münchner Autor*in, unter Berücksichtigung der Qualität der bisherigen künstlerischen Arbeit der Autor*in. Der Preis wird jährlich verliehen. Die Verleihungsveranstaltung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Tukan-Kreis.
In die Auswahl kommen alle belletristischen Neuerscheinungen von Autor*innen, die in München/der Region München leben, (ausgenommen Veröffentlichungen im Selbstverlag oder in sogenannten Selbstkostenverlagen, als Book on Demand oder im Internet). Eigenbewerbung ist möglich, allerdings in den meisten Fällen nicht nötig. Die Neuerscheinungen werden im Kulturreferat anhand der Verlagskataloge erfasst. Eigenbewerbung empfiehlt sich, wenn das Buch in einem kleinen Verlag erscheint; in diesem Fall genügt eine informelle Meldung der Neuerscheinung mit Verlagsangabe per E-Mail an katrin.dirschwigl@muenchen.de.
Die Jury trifft sich mehrmals, um über die Neuerscheinungen im Frühjahr und im Herbst zu beraten. Die Preisträger*innen werden von der Jury vorgeschlagen; die endgültige Entscheidung trifft der Kulturausschuss der Stadt.
Den Tukan-Preis erhielten
Die Geschichte ist nicht neu, die hier erzählt wird, so wenig wie die literarischen Genres, denen sich „Mittelberge“ zuordnen ließe: sei es die Dorf- oder Familiengeschichte, sei es der Heimatroman. Erzählt wird vom Aufwachsen des Mädchens Sophie in einem kleinen Dorf im Oberfränkischen der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, einer Zeitspanne zwischen zwei Weltkriegen, die auch Mittelberge schließlich erreichen. Karg ist das Leben, ärmlich die Verhältnisse, der Lebensrhythmus diktiert von der Abfolge der Jahreszeiten im Hof wie auf dem Feld bis zur Ernte, die mühsam genug eingebracht werden muss. Und doch entsteht von den ersten der kurzen, oft nur wenig mehr als eine Seite umfassenden Episoden an, in die sich der Roman gliedert, der Eindruck, diese oft erzählte Geschichte so noch nie gelesen zu haben.
Auf meisterhafte Weise nämlich sind hier Sujet und Stil unmittelbar aufeinander bezogen. Dem harten Alltag, in dem neben den kirchlichen Festen nur familiäre Anlässe wie Taufen, Hochzeiten oder Begräbnisse Einschnitte bilden – und zusätzliche Arbeit machen –, entspricht durchgängig eine Erzählhaltung, die parataktisch einfache, schmucklose Hauptsätze aneinanderreiht: eine aufs Äußerste reduzierte narrative Ökonomie, die nichts aus- oder gar übermalt, sondern vielmehr virtuos auszusparen weiß. Das klingt zumeist lakonisch, lapidar, distanziert, ja sogar scheinbar teilnahmslos, ist aber doch stets voller Anteilnahme, wenn etwa Sophie als Kind ein geplantes Gedicht über ein ungerecht behandeltes Kind aus ihrem ,Wissen‘ heraus aufgibt, „dass Kinder keine Gedanken an Gerechtigkeit haben dürfen, denn sie werden sie nie bekommen“. Hier wie fast überall ist dieser Roman zwischen seinen Sätzen und Absätzen voller Leerstellen, die zugleich Freiräume eröffnen, deren Füllung ebenso Aufgabe der Leserinnen und Leser bleibt wie die Rekonstruktion der Lebensgeschichten jener vielen Personen und Figuren, die Sophies Lebensweg begleiten, oft nur kreuzen und dabei trotz ihrer meist bloß schlaglichtartigen Beleuchtung – eine Qualität der Dramatikerin Kerstin Specht – Kontur und Gewicht erhalten.
„Das Volk / Ist nicht tümlich“, wusste schon Bert Brecht, der damit vor jeder Harmonisierung und Idyllisierung des entbehrungsreichen täglichen Lebens ,einfacher‘ Menschen warnte. Deren Erfahrungen sich wiederum im Wortschatz des Volksmunds niederschlug, der über Generationen und Jahrhunderte hinweg erfahrenes Leid und Unbill in Sentenzen fasste, die auch Mittelberge durchziehen und in der Wirkmacht ihrer Maximen zugleich den Spielraum von Autonomie und Emanzipation begrenzen. „Der Gott schrieb vor, dass im Leben keine Freude sein sollte, nur Arbeit. Die Freude käme erst, wenn man tot war, sonst hätte er die Menschen gleich im Paradies lassen können“ – prägnanter und zugleich ,schlagender‘ lässt sich von der Kanzel herab vermittelte christliche Sozialisation kaum in Worte fassen. Dazu tragen auf ihre Weise ebenso die zwischen den Episoden eingefügten Gedichte bei. Auch sie machen nicht viele Worte, greifen unmittelbar zuvor geschilderte individuelle Erfahrungen auf und vertiefen sie, dies freilich auf komplexe und raffinierte Weise, die es ebenfalls zu dechiffrieren gilt, transzendieren die Verse zum einen doch das rein Persönliche und schreiben es dabei zugleich als das (vermeintlich) Allgemeingültige als verbindlich fest, während sie an anderen Stellen Schlupflöcher ins Freie in Aussicht stellen: eine poetische Leistung sui generis.
Keine Frage: Auch Sophie weiß, wo „oben und unten“ ist, „wie es sich gehört und wie es ihr unumstößlich scheint, weil sie ein Landmädchen ist“. So erzählt „Mittelberge“ zuletzt auch keine Auf- und Aussteigergeschichte. Sophie folgt mit der gemeinsamen Tochter ihrem Max, der mit seinen Plänen und Träumen die Richtung vorgibt – zuletzt ins (staatliche geförderte) Zonenrandgebiet der alten Bundesrepublik: dies bleiben die Horizonte eines Frauenlebens noch zur Mitte des letzten Jahrhunderts. „Das Haus wird der Herr sein“ – so der letzte Satz. Nicht die Menschen, die es bewohnen.
So oft erörtert, die akademische Frage, was Literatur leisten kann, darf, soll oder muss. Ein Glück, dass es immer wieder Bücher gibt, nach deren Lektüre diese überflüssig scheint – wenn sie die im Schatten Stehenden ins Licht rücken, den Benachteiligten, von den Umständen wenig Begünstigten eine Sprache geben und so die Spielräume des zu Zeiten je Menschenmöglichen ausloten. Kerstin Specht ist dies in „Mittelberge“ auf herausragende Weise gelungen.
Jurymitglieder
Der Jury gehörten unter der Leitung von Kulturreferent Marek Wiechers an: Martina Boette-Sonner (BR), Jutta Czeguhn (Süddeutsche Zeitung), Dr. Katharina Herrmann (Blog „Kulturgeschwätz“), Dr. Klaus Hübner (Literatur in Bayern, Münchner Feuilleton), Dr. Johannes John (Bayerische Akademie der Wissenschaften), Pamela Scholz (Glockenbachbuchhandlung) sowie aus dem Stadtrat (teils a.D.): Mo Lovis Lüttig (Fraktion Die Grünen-Rosa Liste), Thomas Niederbühl (Fraktion Die Grünen-Rosa Liste), Andreas Babor (Fraktion der CSU), Beatrix Burkhardt (Fraktion der CSU), Marian Offman (Fraktion SPD).
- 2026: Kerstin Specht: „Mittelberge“
- 2025: Pierre Jarawan: „Frau im Mond“
- 2024: Dana von Suffrin; „Nochmal von vorne“
- 2023: Thomas Willmann: „Der eiserne Marquis“
- 2022: Martin Kordić: „Jahre mit Martha“
- 2021: Fridolin Schley: „Die Verteidigung“
- 2020: Markus Ostermair: „Der Sandler“
- 2019: Herbert Kapfer: „1919. Fiktion“
- 2018: Susanne Röckel: „Der Vogelgott“
- 2017: Jonas Lüscher : „Kraft“
- 2016: Björn Bicker: „Was glaubt ihr denn. Urban Prayers“
- 2015: Lilian Loke: „Gold in den Straßen“
- 2014: Nina Jäckle: „Der lange Atem“
- 2013: Dagmar Leupold: „Unter der Hand“
- 2012: Marc Deckert: „Die Kometenjäger“
- 2011: Steven Uhly: „Adams Fuge“
- 2010: Benjamin Stein: „Die Leinwand“
- 2009: Robert Hültner: „Inspektor Kajetan kehrt zurück“
- 2008: Christine Wunnicke: „Serenity“
- 2007: Fridolin Schley: „Wildes schönes Tier“
- 2006: Friedrich Ani: „Idylle der Hyänen“
- 2005: Thomas Palzer: „Ruin“
- 2004: Thomas Meinecke: „Musik“
- 2003: Simon Werle: „Der Schnee der Jahre“
- 2002: Hans Pleschinski: „Bildnis eines Unsichtbaren“
- 2001: Uwe Timm: „Rot“
- 2000: Hassouna Mosbahi: "Rückkehr nach Tarschisch" und die Übersetzerin Regina Karachouli
- 1999: Susanne Röckel: "Chinesisches Alphabet – Ein Jahr in Shanghai"
- 1998: Günter Ohnemus: "Der Tiger auf deiner Schulter"
- 1997: Klaus Böldl: "Studie in Kristallbildung"
- 1996: Ernst Augustin: "Gutes Geld"
- 1995: Christine Scherrmann: "Frau mit grünen Schuhen", Hans Pleschinski: "Brabant"
- 1994: Maxim Biller: "Land der Väter und Verräter"
- 1993: Helmut Krausser: "Melodien"
- 1992: Uwe Dick: "Pochwasser. Eine Biographie ohne Ich"
- 1991: Günter Herburger: "Thuja"
- 1989: Herbert Achternbusch, Barbara Maria Kloos, Fred Hepp
- 1987: Uwe Dick, Eberhard Horst, Michael Wachsmann
- 1985: Walter Kolbenhoff, Hans F. Nöhbauer
- 1983: Michael Krüger, Rudolf Riedler, Barbara König, Carla Maria Heim, Jörg Graser, Grete Weil
- 1981: Hermann Stahl, Carl Borro Schwerla, Franz Freisleder, Dagmar Nick, Jörg Krichbaum, Barbara Bronnen
- 1979: Carl Amery, Janosch (Horst Eckert), Dr. Kurt Seeberger
- 1977: Ernst Günther Bleisch, Karl Hoche, Dr. Ursula Knöller, Irina Korschunow, Herbert Rosendorfer, Herbert Schlüter
- 1975: Wolfgang Bächler, Charlotte Birnbaum, Heinz Coubier, Armin Eichholz, Herbert Günther, Helmut Walbert
- 1973: Marianne Langewiesche, Dr. Wolfgang Petzet, Kuno Raeber
- 1971: Herbert Asmodi, Angelika Mechtel, Heinz Piontek, Martin Gregor–Dellin, Dr. Rolf Flügel
- 1969: Anton Sailer, Wilhelm Lukas Kristl, Christa Reinig, Günter Spang, Heinrich Fischer, Trankred Dorst
- 1967: Karl Ude, Oliver Hassencamp, Nina Keller
- 1966: Rudolf Schmitt–Sulzthal, Eugen Skasa–Weiß, Isabella Nadolny, Gunter Groll, Carola von Crailsheim, Curt Hohoff
- 1965: Otto Freiherr von Taube, Paul Mommertz, Georg Schwarz, Roland Ziersch, Alfons Freiherr von Czibulka, Horst Lange