Ernst-Hoferichter-Preis
Jährlich wird dieser Preis an zwei Autor*innen vergeben, die in ihrem Werk »Originalität mit Weltoffenheit und Humor« verbinden.
Über den Preis
Nach dem Tod des bekannten Münchner Publizisten Ernst Hoferichter setzte Hoferichters Witwe Franzi die Stadt 1975 als Erbin ein mit der Auflage, die Stiftung Ernst Hoferichter-Preis einzurichten. Seitdem werden im allgemeinen jährlich zwei Preise in Höhe von je 5.000 Euro von der Ernst Hoferichter-Stiftung vergeben (abhängig vom Ertrag des Stiftungsvermögens). Sie sind gedacht als Förderung für Autorinnen und Autoren, die wie Ernst Hoferichter „Originalität mit Weltoffenheit und Humor“ verbinden.
Als Preisträgerinnen und Preisträger kommen nur Autoren und Autorinnen in Betracht, die in München/der Region München leben oder in ihren Werken eine enge Verbindung zu München erkennen lassen. Über die Preisträgerinnen und Preisträger entscheidet der Stiftungsbeirat, zu dem neben dem Kulturreferenten und dem Direktor der Münchner Stadtbibliothek vier literarische Freunde Hoferichters bzw. die von ihnen bestimmten Nachfolger gehören: Katja Huber, Rebecca Faber, Brigitta Rambeck und Christian Ude.
Den Ernst Hoferichter-Preis erhielten
Jurybegründungen
Natalie Buchholz
Natalie Buchholz ist Schriftstellerin. Seit gerade mal einem knappen Jahrzehnt. Denn 2018 hat sie die Seiten gewechselt oder vielmehr nonchalant umgeblättert. Mit der Kompetenz, die eine erfahrene Lektorin mit sich bringt, hat sich Buchholz gleichmal in der anspruchsvollen Disziplin Jugendbuch geübt – und dabei sehr viel richtig gemacht.
Ihr Romandebüt Der rote Swimmingpool erzählt, wie eine scheinbar glückliche Familie zerbricht und welche Schwierigkeiten das Erwachsenwerden mit sich bringt. Hier, wie auch in ihrem zweiten Roman Unser Glück, der Geschichte einer scheiternden Beziehung, beweist sie in bildreicher, stark durchrhythmisierter Prosa ihr Gespür für Klang und Wirkung von Sprache und entwickelt psychologisch aufgeladene Spannungsbögen. So weit, so scheinbar virtuos und routiniert durchkomponiert. Doch mit erstaunlicher Konsequenz und Originalität macht die Autorin ihren Figuren einen Strich durch die Rechnung und durch deren fiktive Biografien. Hier wird nicht nur erzählt, was scheinbar erlebt wird und werden kann, sondern auch, wie sich die Wahrnehmung der eigenen Lebenswelt allmählich verändern kann. Mit großer Empathie für ihre Figuren, die nicht unbedingt auf den
ersten Blick als Sympathieträger zu erkennen sind, weitet sie den Blick der Leser*innen und bietet neue Perspektiven.
Grand-papa, der autofiktionale dritte Roman der in Frankreich geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Autorin, zeigt schließlich, was für Leben und Literatur gleichermaßen gilt: wie tief die Geschichte auch von Personen, die man selbst nicht kennt, in die eigene Biografie hineinragen kann. Grand-papa, der Zeit ihres Lebens ein Fremder für die Autorin blieb, war als junger Mann Mitglied der französischen Armee, im Zweiten Weltkrieg zwangsrekrutierter Soldat der Wehrmacht und danach ganz klar Frankreich verschrieben. Seine Tochter, die einen Deutschen heiratete, lehnte er ab. Natalie Buchholz‘ verspätetes „Kennenlernen“ des Großvaters geht weit über den persönlichen Horizont der Autorin hinaus: Grand-papa ist Familienstudie, ein großes Buch über Erinnerungen, Geschichtsstunde – und eine Lektion in Weltoffenheit.
Dem überkomplexen Entwicklungsstadium Pubertät nicht in dünn-klamaukiger Manier zu begegnen, sondern mit originellem Witz und großem Verständnis, gelingt Buchholz seit 2021 in ihrer PS. Du bist die Beste-Jungendbuchreihe, die die Freundschaft von Emma und Lore erzählt. Erfreulich unaufgeregter Nebenverdienst der mittlerweile achtbändigen Reihe: Dieser Briefwechsel zweier im Social Media-Zeitalter durch Umzug getrennten Freundinnen ist auch ein überzeugendes Plädoyer für analoges Handeln, Erleben und Schreiben, für die Literatur an sich. Vor allem aber bietet Emmas und Lores Geschichte großes Identifikationspotenzial und den einen oder anderen Lösungsansatz, für junge Frauen, aber genauso für junge Männer und – für Eltern. Und das alles kein bisschen didaktisch, sondern voller Ideenreichtum, Wärme und viel Humor. Empowernd ist dieser höchst vergnügliche Briefwechsel über mehrere Jahre obendrein.
Natalie Buchholz‘ bisheriges Werk weist eine große Bandbreite an Themen, Genres, Tonalitäten und Stimmungen auf. Es zeigt, wie leichtfüßig ihr Tiefgang gelingt und wie tiefgründig unterhaltsame Literatur im Idealfall sein kann. Von dieser Autorin wird weiterhin beides erwarten zu sein – und Großes
Richard Oehmann
Durch konsequente Umtriebigkeit, Einmischerei und Volksbelustigung im besten Sinne ist Richard Oehmann, seines Zeichens Autor, Sprecher, DJ, Kabarettist, Kasperltheaterintendant, Puppenspieler und Regisseur, in München und Umland zum bunten (Sau)Hund geworden, der sich und sein Schaffen in immer neuen Volten durch Dorf, Stadt und Land treibt.
Ob als Texter und Spieler des in Co-Intendanz mit Josef Parzefall betriebenen „Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater“, ob als Regisseur der gleichnamigen Hörspielreihe, ob als Hörspielautor oder einer der beiden Köpfe des Singspielteams von der Starkbierprobe auf dem Nockherberg – Richard Oehmann lässt sich vom eigenen Humor (ver)leiten. Das erfreut, bildet und bestärkt Kinder wie deren Eltern und Großeltern nun schon seit fast zwei Generationen darin, Rollen zu hinterfragen und sich ein eigenes Bild von scheinbar gängigen Verhaltensmustern zu machen. Jahrzehntelanges Rollenstudium auf, vor und hinter den kleinen und größeren Bühnen dieser Welt(politik) findet bei ihm seinen Ausdruck, in großer Kenntnis von und Liebe für selbst- oder fremderschaffene Charaktere, für erdachte und reale Menschen.
Wer tief in die innerste Seele von Kasperl, Seppl, Prinzessin Heike und Zauberer Gottlieb Wurst blickt, entwickelt offensichtlich irgendwann prophetische Hellsichtigkeit und ahnt, was Landes- und Bundespolitiker zum Toben, Stolpern oder gar Fallen bringen kann.
Und Oehmann teilt diese Erkenntnisse nicht nur mit dem Nockherbergpublikum im Saal und am Bildschirm, sondern zieht in alter Gaukler-Tradition mit seinen „Derbleckereien“, den unveröffentlichten Liedtexten, verworfenen Szenen und Passagen aus den Singspielen am Nockherberg durch die Lande. Seine politische Satire, in Buchhandlungen, Wirtshäusern und auf Gemeindebühnen präsentiert, öffnet Perspektiven – und Welten. Oehmann nimmt Autoritäten nicht (allzu) ernst und erkennt und achtet gleichzeitig auch die Autorität der wohl am notwendigsten ernstzunehmenden Publikumssparte: Kinder. Mit der Musikgruppe Café Unterzucker präsentieren er und Tobias Weber nach eigenen Angaben „ungesüßte Kinderkultur und unversäuerten Erwachsenenschmarrn“.
Dass Weltoffenheit nicht an Kosmopolitentum gebunden ist, zeigt sich in Oehmanns umfassendem künstlerischen Engagement. Wir wünschen dem Preisträger, dass er auch in Zeiten sich verengender kultureller Spielräume und des Verstummens weiterhin Farbe bekennt und sogar noch haltungsstärker und bissiger wird.
- 2026
Quint Buchholz und Narges Kalhor - 2025
Josef Brustmann und Gesche Piening - 2024
Katja Huber und Pierre Jarawan - 2023
Deniz Aykanat und Karl Stankiewitz - 2022
Fee (Felicia) Brembeck und Alex Rühle - 2021
Wolfgang Ettlich, Jaromir Konecny, Barbara Yelin - 2020
Dana von Suffrin, Rudi Hurzlmeier - 2019
Dieter Hanitzsch, Christine Wunnicke (wurde von der Preisträgerin abgelehnt) - 2018
Karl-Heinz Hummel - 2017
Thomas Grasberger - 2016
Ali Mitgutsch - 2015
Christoph Süß - 2014
Sarah Hakenberg, Marcus H. Rosenmüller - 2013
Gerd Holzheimer, Luise Kinseher - 2012
Jörg Maurer, Hans Pleschinski - 2011
Kerstin Specht, Jan Weiler - 2010
Frank-Markus Barwasser/Erwin Pelzig, Hermann Unterstöger - 2009
Lena Gorelik, Matthias Politycki - 2008
Ernst Augustin, Christine Grän - 2007
Monika Gruber, Albert Sigl - 2006
Zé do Rock, Dagmar Nick - 2005
Anatol Regnier, Walter Zauner - 2004
Wellküren (Veronika Lilla, Burgi Well, Monika Well-Hösl) - 2003
Hans Meilhammer und Claudia Schlenger, Tilman Spengler - 2002
Georg Maier, Fabienne Pakleppa - 2001
Franz Xaver Bogner, Ernst Maria Lang - 2000
Albert Ostermaier, Hella Schlumberger - 1999
Herbert Achternbusch, Maria Peschek - 1998
Renate Just, Georg Ringsgwandl - 1997
Axel Hacke, TamS (Eberhard Kürn, Anette Spola, Rudolf Vogel) - 1996
Franz Geiger, Keto von Waberer - 1995
Doris Dörrie, Sten Nadolny - 1994
Gabi Lodermeier, Willy Purucker - 1993
Lothar Günther Buchheim, Asta Scheib, Helmut Seitz - 1992
Anne Rose Katz, Joseph von Westphalen - 1991
Ernestine Koch, Herbert Rosendorfer - 1990
Barbara Bronnen, Bruno Jonas - 1989
Ernst Günther Bleisch, Karl Heinz Kramberg - 1988
Wolfgang Ebert, Alexeji Sagerer, Michael Skasa - 1987
Karl Hoche, Hanns-Christian Müller, Ponkie, George Tabori - 1986
Hannes Burger, Rachel Salamander, Herbert Schneider, Klaus Peter Schreiner - 1985
Biermösl Blosn (Christoph, Hans und Michael Well), Franz Xaver Kroetz, Siegfried Zimmerschied - 1984
Philip Arp, Oliver Hassencamp, Ellis Kaut, Marianne Sägebrecht - 1983
Carl Borro Schwerla, Sigi Sommer, Ernst Wendt - 1982
Jörg Hube, August Kühn, Kurt Seeberger - 1981
Sarah Camp, Armin Eichholz, Hannes König - 1980
Peter de Mendelssohn, Gerhard Polt, Herbert Riehl-Heyse - 1979
Franziska Bilek, Dieter Hildebrandt, Konstantin Wecker - 1978
Effi Horn, Wilhelm Lukas Kristl, Hellmut von Cube - 1977
Rolf Flügel, Anton Sailer, Martin Sperr - 1976
Eugen Roth, Karl Spengler, Karl Ude - 1975
Carl Amery, Isabella Nadolny