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Einzelprojektförderung für Freie Theaterschaffende

Förderung von Vorhaben professionell arbeitender Künstler*innen und Gruppen

Über die Förderung

Gefördert werden die Vorhaben professionell arbeitender Künstler*innen und Gruppen, die bereits erste künstlerische Erfolge in den freien darstellenden Künsten vorweisen. Die Projekte sollen über einen eigenständigen ästhetischen Ausdruck verfügen, relevante Diskurse der Gegenwart reflektieren und eine Bereicherung für die freie Münchner Szene darstellen.

Die maximale Förderungshöhe für Einzelprojekte beträgt 100.000 Euro. Es erfolgt eine Förderung der Produktion und einer begrenzten Zahl von Aufführungen. Komplementärfinanzierungen sind schlüssig nachzuweisen.

Die Förderung richtet sich an Künstler*innen aller Altersgruppen, für den Beginn der künstlerischen Laufbahn ist die Debütförderung vorgesehen.

Die Einzelprojektförderung für Freie Theaterschaffende haben erhalten

  • Caner Akendiz, Michael Bischoff, Sabine Herrberg, Jochen Strodthoff, Burchhard Dabinnus, Freie Bühne München, Ruth Geiersberger, Molestia e.V., Kastner, Stefan Kastner, Jan Struckmeier, Lucy Wirth

Akdeniz, Caner : Orakel Grundig ST 70 (AT)

Caner Akdeniz, für „Siegfried“ bereits mit der Debütförderung ausgezeichnet, setzt in dieser Arbeit die Beschäftigung mit Fragen der gesellschaftlichen Positionierung fort. Dabei nimmt er Bezug auf die doppelte Benachteiligung durch Fremdenfeindlichkeit und Klassismus. Der titel­gebende Fernsehempfänger „Grundig ST 70“ fungiert in der Produktion als Erinnerungsobjekt an frühe Identifikationsmuster und als kultureller Ballast, wenn man ihn als nicht-humanen Babysitter erlebt hat. Die Jury ist überzeugt, mit Akdeniz einen Künstler weiter zu fördern, der aktuelle und drängende Fragen in neue szenische Arrangements zu übersetzen weiß und empfiehlt daher eine Einzelprojektförderung in Höhe von 34.550 Euro.

Bischoff, Michael, Herrberg, Sabine, Strodthoff, Jochen: FREUDE. Versuch über die Brüder- und Schwesterlichkeit

Erst im Jahr 2020 wurde der 250. Geburtstag des Künstlergenies Ludwig van Beethoven aller­orts ausgiebig gefeiert. Zahlreiche Publikationen erschienen, die ihre ungebrochene Bewunderung für den Musikphilosophen und Verfechter der Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Ausdruck brachten. Nach wie vor zeichnet sich ein Bild Beethovens als idealisierte Projektionsfläche des liberal gesinnten Bürgertums ab, das stereotypen Zuschreibungen unterliegt. Dabei spiegeln biografische Zeugnisse und das musikalische Werk ein anderes, vielfach widersprüchliches Bild des bedeutenden Komponisten. Das Projekt FREUDE des Münchner Künstler*innen-Kollektivs will dem Mythos Beethoven aus einer kritischen Perspektive begegnen und sein Verständnis von Freiheit und Brüderlichkeit auf dessen Gegenwartswert hin befragen. Ausgehend von der letzten „Ode an die Freude“ seiner 9. Sinfonie soll die Ambiguität von Beethovens Konzept von Gemeinschaft untersucht werden. In einer Verbindung performativer und musikalischer Mittel wird eine immersive Raum-Performance erarbeitet, die sich mit den gesellschafts-, gender- und kulturpolitischen Dimensionen von Beethovens musikalischem Werk und dessen Leben beschäftigt und durch künstlerische Strategien dekonstruiert, bevor kollektiv mit den Zuschauer*innen an einem neuen Freiheitsbegriff gearbeitet wird, der dem gegenwärtigen Wertewandel Rechnung trägt und den Gemeinsinn über das heroische Einzelgängertum stellt. Die Jury befürwortet die vielversprechende Auseinandersetzung und die originäre Verbindung unterschiedlicher künstlerischer Formsprachen und empfiehlt die Einzelprojektförderung in Höhe von 52.500 Euro.

Dabinnus, Burchhard: Die Mühlengeschichte

Im Jahr 1939 übernahm der Großvater von Burchard Dabinnus einen jüdischen Großbetrieb im ehemaligen Ostpreußen. In der Familie wurde diese „Mühlenangelegenheit“, die Geschichte einer Enteignung und Arisierung, kaum besprochen, eher beschönigt, verschwiegen. In Zusammenarbeit mit den Nachkommen der im KZ ermordeten jüdischen Besitzer möchte Bur­chard Dabinnus durch Recherchen, Workshops, Diskussionen und im Rahmen einer Theateraufführung diese Geschichte aufarbeiten. Zugleich soll sich diese Aufarbeitung verbinden mit aktuellen Fragen, etwa dem Wiedererstarken des Antisemitismus in Deutschland und Polen, Heimat- und Eigentumsbegriffe, Migration, Erfordernisse historischer Aufarbeitung etc. Die Recherchen und Veranstaltungen sollen sowohl in München als auch in Polen, am Ort der ehemaligen Mühlenanlage, stattfinden sowie auf einer Website dokumentiert werden. Das interkulturelle Konzept, die Verbindung von Erinnerungsarbeit mit gegenwärtigen Fragen sowie die Formenvielfalt, innerhalb derer diese Arbeit geleistet werden soll, haben die Jury überzeugt. Sie empfiehlt die Vergabe der Einzelprojektförderung an Burchard Dabinnus in Höhe von 82.501,30 Euro.

Freie Bühne München: Die Räuber

Das Theater mit körperlich und geistig behinderten Schauspieler*innen konnte sich in den vergangenen Jahren in Form der Freien Bühne München institutionalisieren. Das Ausdrucksspektrum der freien Theaterszene hat sich damit entschieden erweitert und geöffnet. Mit der neuen Produktion „Die Räuber“ wird die Freie Bühne München ihre Arbeit kontinuierlich fortsetzen und erneut Schauspieler*innen der eigenen Ausbildung an den Bereich des professionellen Theaters heranführen. Der Antrag überzeugte die Jury durch die umfangreiche Vorarbeit und gute Begründung des Vorhabens. Die Jury empfiehlt daher die Einzelprojektförderung in Höhe von 100.000 Euro.

Geiersberger, Ruth: Verlassenschaften

Die Performerin begibt sich auf tiefgründige Recherche für eine Arbeit im Kirchenraum über die Stille in einer lauten Welt voller Einsamkeiten. Der sakrale Raum wird entdeckt und befragt als Erfahrungsort der inneren Einkehr und des Gedankenflusses, an dem Menschen Freude und Sorge hinterlassen haben − ihre Verlassenschaften. Basierend auf Gesprächen mit Gästen und Zufallsbegegnungen entsteht eine Video-Klang-Installation zu Stille, Tod und Einsamkeit, individuell erfahrbar in einem Beichtstuhl in St. Paul, München. Konzertante Verrichtungen der „künstlerischen Seelsorgerin“ und moderierte Gespräche mit „Kirchenexpertinn*en“ spannen einen performativen Bogen zur Beichtstuhl-Installation, für welche die Jury eine Einzelprojektförderung in Höhe von 41.100 Euro empfiehlt.

Molestia e.V.: Corps Matriachal

Die weibliche Burschenschaft Molestia will mit ihrem neuen Projekt sowohl ihre internationale Vernetzung weiter ausbauen als auch (die eigene) koloniale Vergangenheit aufarbeiten. Es soll ein matriarchales Delegiertentreffen organisiert werden, in dem Matriarchinnen aus Peru und München auf der Münchner Theresienwiese zusammen kommen, um koloniale Vergangenheit sichtbar zu machen, eine Verbindung zu gegenwärtigen verdrängten, kolonialen Geschichten in München zu schaffen und eine antikoloniale Zukunftsvision zu erarbeiten. In einer raffinierten, satirisch (Burschenschafts-)Traditionen sowie aktuelle Debatten etwa um Restitution aufgreifenden Mischung aus Ritual, Erzählungen, Diskurs sowie Interaktion mit dem Publikum soll die Theresienwiese zu einem Raum des Antikolonialismus werden. Dieses Konzept sowie der Impuls zur selbstkritischen Befragung erscheint der Jury originell und überzeugend. Sie bilden eine kluge Weiterentwicklung der bisherigen Aktionen der weiblichen Burschenschaft. Die Jury empfiehlt daher die Vergabe der Einzelprojektförderung an Molestia e.V. in Höhe von 63.917,80 Euro.

Kastner, Stefan: Die Rückkehr der Delphine

Die „Rückkehr der Delphine“ nimmt sich – in der Stefan Kastner als langjährigem Münchner Künstler der Freien Szene ureigenen Art und Weise – einer Überlagerung zweier völlig konträren Sphären an: Vor dem Hintergrund der Pandemie und der (mehrfach) entfallenen Wiesn unternimmt Kastner eine künstlerische Revision der Ruhmeshalle und der in ihr verewigten Personen/Männer. Dazu führt er kontrastierend ein Personal aus aktuellen wie ehemaligen (Wahl-)Münchner*innen aus über drei Jahrtausenden ein, die auf Geheiß der Bavaria als Gegenerzählung dienen sollen. Anspielend auf die Sichtung von Delfinen in Venedig durch das Ausbleiben von Kreuzfahrtschiffen während der Pandemie führt Kastner so einen Diskurs über Veränderung und Münchner Eigenheiten, Weltoffenheit und die Normiertheit eines Staatsapparates. Diese, so kühne wie vor Fabulierlust strotzende Idee und der Wunsch, dabei ästhetisch neue Wege zu verfolgen, haben die Jury überzeugt, den Antrag in Höhe von 83.000 Euro zu befürworten.

Struckmeier, Jan: WORAN MEINE LIEBE GLAUBEN WIR NOCH (AT)

Die theatrale Soundinstallation im PATHOS-Theater soll die tabuisierte Einsamkeit, deren Vielfältigkeit als Gefühl und Zustand, thematisieren. Die Ungehörten – die Einsamen – kommen zu Wort über insgesamt 16 Soundkanäle: Aufgezeichnete Gespräche mit Betroffenen werden abgespielt, teils einsam als Außenseiter*innen, teils innerhalb einer Gruppe − zu hören sind Stimmen, die sonst nicht gehört werden. Ergänzt werden sie von Jan Struckmeier durch einen achtköpfigen Sprechchor, der aus diesem Material sowie weiteren Sekundärquellen eine raumumgreifende, polyphone Stimmendichte erzeugen soll. Die Jury empfiehlt für dieses fulminant klingende Vorhaben eine Einzelprojektförderung in Höhe von 89.000 Euro.

Wirth, Lucy: Mutterschaft. Eine Selbstbefragung

Wollte ich Kinder oder nicht? War es mein persönlicher Wunsch oder habe ich lediglich gesellschaftliche Erwartungen eingelöst? Für wen oder was lebe ich? Das Projekt von Lucy Wirth geht eben diesen Fragen in einer differenzierten Auseinandersetzung zu Mutterschaft und Selbstbestimmung nach. Grundlage ihres Projekts bildet Sheila Hetis gleichnamiger Roman „Mutterschaft“ aus dem Jahr 2018. In einer autofiktionalen Selbstreflexion gelingt es der Autorin an dem gesellschaftlichen Tabu von selbst entschiedener Kinderlosigkeit zu rütteln.
Lucy Wirth und ihr Team greifen in einem kollektiven Schaffensprozess den Ansatz von Heti auf und treten mit sich selbst (und den Zuschauer*innen) in einen mehrdimensionalen Dialog, indem die Performer*innen (selbst alle Mütter) die Grundfragen Hetis an sich heranführen und zu erkunden versuchen. Mit künstlerischen Mitteln soll ein emanzipatorischer Reflexionsraum entstehen, kraft dessen eine Selbstdefinition der Frau – zwischen dem individuellen Wunsch kinderlos zu bleiben und kulturellen Erwartungen – erst möglich wird. Durch die Überblendung von Hetis Protagonistin und den persönlichen Erfahrungen der Performer*innen wird eine feministische Sicht auf das gesellschaftlich normierte Verständnis von Mutterschaft freigesetzt und durch den performativen Akt der Selbstbehauptung aus den patriarchalen Mustern von Entmündigung befreit. In Anbetracht der Dringlichkeit der Fragestellung sowie der vielversprechenden Qualität von Lucy Wirth und ihrem künstlerischen Team empfiehlt die Jury eine Förderung des Einzelprojekts in Höhe von 35.524,28 Euro.

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