Einzelprojektförderung für Freie Theaterschaffende
Professionell arbeitende Künstler*innen und Gruppen können eine Projektförderung im Bereich Theater beantragen.
Über die Förderung
Gefördert werden die Vorhaben professionell arbeitender Künstler*innen und Gruppen, die bereits erste künstlerische Erfolge in den freien darstellenden Künsten vorweisen. Die Projekte sollen über einen eigenständigen ästhetischen Ausdruck verfügen, relevante Diskurse der Gegenwart reflektieren und eine Bereicherung für die freie Münchner Szene darstellen.
Die maximale Förderungshöhe für Einzelprojekte beträgt 100.000 Euro. Es erfolgt eine Förderung der Produktion und einer begrenzten Zahl von Aufführungen. Komplementärfinanzierungen sind schlüssig nachzuweisen.
Die Förderung richtet sich an Künstler*innen aller Altersgruppen, für den Beginn der künstlerischen Laufbahn ist die Debütförderung vorgesehen.
Die Einzelprojektförderung für Freie Theaterschaffende erhielten
Akdeniz, Caner: Friede, Freude, Lahmacun
Der Regisseur Caner Akdeniz plant eine theatrale Untersuchung der bereits real existierenden politischen Einflussnahme von rechtsaußen auf staatlich geförderte Kunst und die von diesen Förderungen abhängigen Künstler*innen. Ausgehend von eigenen Erfahrungen mit abgesagten und verschobenen Projekten möchte er Bertolt Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ als Folie für sein Vorhaben nutzen. Akdeniz plant, das Stück nicht etwa als Warnung zu reinszenieren. Vielmehr möchte er den künstlerischen Rückzug vor einer Inszenierung dieses politischen Stoffes erarbeiten. Sein Ziel, so die furchtsame Abkehr der Kunst von dezidiert politischen Inhalten in einem Akt der Selbstzensur zu zeigen, ermöglicht in einem dialektischen Schritt zugleich eine künstlerische Stellungnahme für eine politisch engagierte Kunst. „FRIEDE, FREUDE, LAHMACUN“ möchte so – mit einem dezidiert diversen und (post-)migrantischen Ensemble – anknüpfen an die Brecht’sche Idee des Lehrstücks als gemeinsames Lernen in einem theatralen Erfahrungsraum. Dabei spürt die Arbeit der Frage nach, bis zu welchem Grad es sich Kunst in unserer Zeit noch leisten kann, politisch zu sein. Und zugleich, welche Funktionen Theater heutzutage einnehmen kann, bzw. was sein wird, wenn die politische Einflussnahme von rechts weiter zunimmt. Die Jury empfiehlt die Förderung dieses engagierten Projekts in Höhe von 90.900 Euro.
Devecioğlu, Nihan: Die versteckte Stimme (AT)
„Die versteckte Stimme“ (AT) beschreibt eine vielschichtige Theaterperformance über Stimme als Widerstand, Überleben und Freiheit, als Werkzeug sowie als Sinnbild für das Frausein. Ausgehend von einer persönlichen Familiengeschichte entfaltet Nihan Devecioğlu eine künstlerische Perspektive, die in einen größeren postmigrantischen Kontext erweitert wird. Zentral ist dabei die Frage: Wie wird aus einer Stimme, die sich verstecken musste, eine Stimme, die Raum einnimmt? Besonders hervorzuheben ist die geplante Zusammenarbeit mit Frauen unterschiedlicher Herkunft in München sowie mit Künstler*innen aus dem Iran, deren künstlerische Praxis unter Bedingungen der Unsichtbarkeit stattfindet. Mit Stimme, Improvisation und Embodied Voice Work findet Devecioğlu eine Form des performativen Geschichtenerzählens, in der Klang, Sprache und Körper ineinander übergehen. Durch Workshops, chorische Aufnahmen und performative Verdichtungen entsteht ein Resonanzraum, der auf Community-Building über die Produktion hinaus abzielt. Der überzeugende Antrag sowie Devecioğlus Produktion „Yoldaş – Frauen, die einander halten“, die eine bemerkenswerte Resonanz auslöste, zeichnen ein äußerst vielversprechendes Bild. Die Jury empfiehlt daher eine Förderung des Projekts „Die versteckte Stimme“ in Höhe von 73.400 Euro.
Paul Friedrich Silvan Furtwängler: Mariannes Freudenklage
„Mariannes Freudenklage“ ist der dritte Teil einer musikalisch-theatralen Trilogie, die die Entwicklung der Transperson Marianne auf ihrem Weg von der sozialen Isolation zur gesellschaftlichen Teilhabe erzählt. Im ersten Teil „Mariannes großes Debüt“ (2025) eroberte die Hauptfigur in der Auseinandersetzung mit ihrem Selbst die inneren Anteile ihrer queeren Identität zurück, die zuvor durch soziale Ablehnung, Scham und Selbstverleugnung verdrängt worden waren. Im zweiten Teil „Mariannes erstes Mal am Meer“ (2026) führte ihre Auseinandersetzung mit dem gewaltsamen Tod eines geliebten Menschen zu dem Bedürfnis, ins öffentliche Leben eintreten und dieses mit Liebe und Kunst positiv zu beeinflussen. Mit „Mariannes Freudenklage“ soll nun dieser Impuls realisiert werden. Marianne sucht im künstlerischen Ausdruck ihrer Gefühle nach einer Form von Gemeinschaft mit dem Publikum, bei der alle Teil eines atmosphärischen Raums werden. Queere Stimmen werden für alle hörbar. Die Figur Marianne möchte mit ihrer Freudenklage einen wirksamen Kontrapunkt zur gesellschaftlichen Kälte setzen. Die Jury spricht sich dafür aus, dieses Projekt mit einer Summe von 66.735 Euro zu fördern.
Huber, Christiane: Songs For A Cow
In der Stückentwicklung „Songs For A Cow” verknüpft die Münchner Künstlerin Christiane Huber ihre eigene Biografie mit zeitgeschichtlichen Linien. Eine begehbare Installation, die die vier Mägen der Kuh nachbildet, symbolisiert die verschiedenen Lebensabschnitte, ein Misthaufen an deren Ende steht für einen bilanzierenden Status quo. Als Solo-Performerin führt Huber das Publikum persönlich durch ihre Installation und Geschichte: Aufgewachsen in den siebziger und achtziger Jahren als Tochter einer bayerischen Bauernfamilie, legt sie ihren künstlerischen Werdegang mit gleichzeitigem Blick auf den Kontrast von Land und Stadt offen. Der durch Landwirtschaft, kirchliche Rituale und hermetische Dorfgemeinschaften geprägte Mikrokosmos lässt die Großstadt München als fernen Sehnsuchtsort erscheinen, der zum Sprungbrett für die eigene Entwicklungsreise wird. Der schmale existentielle Grat der Selbständigkeit in einem künstlerischen Beruf in der Stadt wird parallel geführt zur schwierigen Situation der Landwirtschaft in einer fast ausschließlich an Marktwerten ausgerichteten Produktionslogik. Geschickt wählt Christiane Huber den Einsatz musikalischer Mittel, die die einzelnen Lebensabschnitte begleiten, von den Hitparadenschlagern der Kindheit bis hin zu Popsongs und Klassik als Soundtrack des Erwachsenwerdens. Gleichzeitig setzt sie sich mit den Einflüssen der NS-Vergangenheit auf die dörflichen Gemeinschaftsstrukturen bis heute auseinander und arbeitet Zusammenhänge mit deren aktueller politischer Situation heraus. Die klug-ironische Verflechtung der autobiografischen Spuren mit der Suche nach einer generationenübergreifenden Verortung haben die Jury überzeugt, eine Förderung der Produktion in Höhe von 56.400 Euro zu empfehlen.
Löwen, Alexander: Russland/Deutsch – ein Streit
Löwens Vorhaben verhandelt kaum offen ausgetragene politische Konfliktlinien, welche die größte migrantische Community in der BRD, die sogenannten Russlanddeutschen, prägen: die politische Spaltung pro und contra 'Putin', die Abschottung gegenüber anderen migrantischen Gruppen und der Mehrheitsgesellschaft, der Positionierungsdruck 'russisch' oder 'deutsch'. Löwen geht von der Beobachtung aus, dass streitbare Themen in der russlanddeutschen Community zunehmend vermieden werden. Insbesondere der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die gezielte Mobilisierung dieser Community als zu gewinnende Wähler*innenstimmen leisten der Flucht ins Private Vorschub. Dem will Löwens Produktion entgegentreten. Basierend auf umfangreicher Recherche in dieser migrantischen Kultur wird ein Generationenkonflikt von Vater und Tochter inszeniert, der exemplarisch die uneigentliche Kommunikation und die verdeckte Codierung darstellt, die eine scheinbar private Alltagssituation prägen. Wie in vielen Arbeiten zu postmigrantischer Kultur geht es auch hier um unabgegoltene Fragen der Zugehörigkeit und Normalität. Die Jury war sehr angetan von diesem Vorhaben, da die Kultur der Russlanddeutschen in München bisher kaum szenisch repräsentiert wurde. Dass diese in sich diverse Gruppe zudem zum Ziel in- und ausländischer Agitation wurde, verleiht Löwens Vorhaben zusätzliche Aktualität. Gerne empfiehlt die Jury daher die Förderung dieses Projekts mit 41.193,59 Euro.
Nyx e. V.: Versöhnung/Pomirenje/Помирење (Arbeitstitel)
Mit „Versöhnung/Pomirenje/Помирење (AT)“ widmet sich AKA:NYX (Nyx e. V.) den komplexen Aushandlungsprozessen von Versöhnung innerhalb ex-jugoslawischer Communities in Deutschland. Auf Grundlage qualitativer Interviews entsteht ein dokumentarischer Theaterabend mit Musik, der unterschiedliche Generationen und Perspektiven zusammenführt. Die deutsch-serbische, deutsch-kroatische und deutsch-bosnische Geschichte und ihre bis heute spürbaren Auswirkungen in Deutschland werden tiefgründig recherchiert, um sie schließlich multiperspektivisch und in all ihren Dissonanzen auf die Bühne zu bringen. Das Projekt adressiert zentral die Frage, wer wessen Geschichten erzählt, und verspricht, mit hoher Sensibilität Möglichketen der Versöhnung auszuloten. Das Kollektiv AKA:NYX um Dorothea Schroeder sowie die Referenzproduktion Importbräute“ sprechen für die Qualität und Reichweite des Vorhabens. Die Jury empfiehlt, das Projekt mit einer Summe von 74.652 Euro zu fördern.
Okunev, Sergei: No link (AT)
Wie zwischenmenschliche und kulturelle Kontakte halten in kriegsgeprägten Zeiten zwischen einer vom europäischen Kulturleben isolierten kleinen Theaterszene in Russland und dem neuen Lebensmittelpunkt in Deutschland? Wie sich in beiden Welten als künstlerische Persönlichkeit verhalten und den Austausch nicht abreißen lassen? Diese Fragen stellt sich der seit 2023 in München lebende Regisseur und Performer Sergei Okunev, der an der Schnittstelle von fiktionalem und dokumentarischem Theater arbeitet. In seinem Projekt mit dem Arbeitstitel „No link“ lässt er, wie schon in seinen bisherigen Arbeiten, Biografisches zu seiner Situation als im Exil lebender russischer Theatermacher miteinfließen. Um die Perspektiven der ehemaligen (Theater)Heimat und des Exils gleichermaßen einzubringen, werden die Vorstellungen des Stücks in München mit Darsteller*innen in einem kleinen Theater in Russland durch Video-Schaltungen live miteinander verknüpft. Rahmen der Handlung und Ausgangssituation für Überlegungen zu den gemeinsamen Themen Distanz und zunehmende Entfernung voneinander ist das Bild des raumreisenden Astronauten. Die Jury vertraut auf das bereits bewährte, komödiantische Improvisationstalent Okunevs sowie auf seine Fähigkeit, aus scheinbar unlösbaren Fragen vor einem bedrückenden aktuellen Hintergrund einen gleichermaßen tiefgründigen wie leichtfüßigen Abend zu entwickeln und empfiehlt daher die Förderung in Höhe von 76.746 Euro.
Umpfenbach, Christine: Haben oder nicht haben
Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf. Das kann als Allgemeinplatz gelten. Umpfenbach widmet sich diesem gesellschaftlichen Vorgang, indem sie mit ihrer erprobten Methode der Theaterrecherche besondere Orte aufsucht. Es sind zum einen die Haushalte wohlhabender Menschen, in denen sich beide sozialen Gruppierungen, die Armen und die Reichen, notwendig begegnen. Denn irgendwer mit weniger Einkommen erbringt dort Dienstleistungen wie Babysitting, Kochen, Putzen für Menschen, die nicht arbeiten müssen. Zum anderen führt die Recherche an den Stadtrand und darüber hinaus, also dorthin, wo sich arme Menschen eine Existenz noch leisten können. Umpfenbachs Team wird sich in diesen Umfeldern mit beiden Personengruppen über ihr Selbstverständnis unterhalten. Ergänzt um Erhebungen zur Reichtumsverteilung und zur Daseinsfürsorge unterhalb des Existenzminimums entsteht so eine szenische Collage zu einem Thema, das trotz attestierter hoher 'sozialer Sprengkraft' kaum wahlentscheidend ist. Die Jury war vom künstlerischen Vorgehen und der Wahl des Themas sehr überzeugt und empfiehlt die Förderung des Projekts mit 97.600 Euro.
- 2026
Caner Akdeniz; Die Bairishe Geisha; Freie Bühne München e. V.; Christiane Huber; Lulu Obermayer; Benjamin Truong; Lucy Wilke und Pawel Dudus; Oliver Zahn - 2025
Caner Akdeniz; Nihan Devecioğlu; Sabine Herrberg und Jochen Strodthoff GbR; Ruth Geiersberger; Theresa Hanich; Christiane Huber; Kastner-Delphine GbR; Karnik Gregorian und Bülent Kullukcu; Lulu Obermayer; Oliver Zahn - 2024
Oliver Exner; Freie Bühne München; Futur X GbR; Lena Gorelik; Verena Gremmer; Ines Hollinger, Lucy Wirth; Lulu Obermayer; Pandora Pop GbR; Gesche Piening - 2023
Freie Bühne München e.V.; Theresa Hanich; Sebastian Hirn; Caroline Kapp; Anna Kuzmenko, Anastasiya Shtemenko und Jan Struckmeier; David Moser; Keith King Mpunga; Lulu Obermayer; Julian Warner - 2022
Caner Akendiz, Michael Bischoff, Sabine Herrberg, Jochen Strodthoff, Burchhard Dabinnus, Freie Bühne München, Ruth Geiersberger, Molestia e.V., Kastner, Stefan Kastner, Jan Struckmeier, Lucy Wirth