Arbeitsstipendien Tanz

Mit dem Tanzstipendium soll die künstlerische Weiterbildung bzw. die Erarbeitung eines neuen künstlerischen Konzepts gefördert werden.

Arbeitsstipendien zur Weiterbildung

Die eingereichten Vorschläge werden durch die Juries der freien Tanzgruppen.

Die Vergabeempfehlungen der Juries orientieren sich an den Grundlagen und Richtlinien der Förderung aktueller darstellender Kunst. Danach werden Künstlerinnen und Künstler sowie Gruppen gefördert, die auf der Basis nachgewiesener professioneller Arbeit erste künstlerische Erfolge erzielt haben. 

Bewerben können sich Künstlerinnen und Künstler sowie Gruppen im Bereich Tanz und Theater, die in ihren Wohnsitz in der Region München haben. Die Stipendien sind vorhabensbezogene Arbeits- und Weiterbildungsstipendien, mit denen sowohl jüngere als auch etablierte Choreographinnen und Choreographen gefördert werden sollen. Es besteht keine Altersbegrenzung. Die Förderung beträgt maximal 8.000 Euro.

Die Einreichung der Bewerbungen ist bis 1. Dezember, für das Folgejahr möglich.

Das Tanzstipendium erhielten

  • Callie Arnold, Sophie Becker, Sahra Huby, Kolja Huneck, Carolin Jüngst, Quindell Orton, Susanne Schneider, Lucy Wilke

Jurybegründungen

Callie Arnold: Zugehörigkeit, Verletzlichkeit und Distanz ein interaktives Erforschen in der Natur

Die Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin Callie Arnold war in München bisher vor allem in tanztherapeutischen Kontexten tätig und wurde erstmals vergangenes Jahr für ihr partizipa­tives Tanzprojekt „Impulse der Gemeinschaft“ (2020) mit einer Förderung des Kulturreferats bedacht. Zentrales Interesse ihrer Arbeit ist es, anhand der auf Körpererfahrung basierenden Methoden der US-amerikanischen Postmodern Dance-Größe Anna Halprin, Ästhetiken von Beziehungsgefügen zu explorieren. Wie sich Räume sozial aushandeln lassen, ist auch The­ma ihres Forschungsvorhabens „Zugehörigkeit, Verletzlichkeit, und Distanz: in interaktives Erforschen in der Natur“, das auf einer Vielfalt an hochaktuellen Themen gründet. So möchte sie anhand des Themas der Distanz und im gemeinsamen Forschen in der Natur Themen wie Klimawandel, Antirassismus und Ökofeminismus und demnach Themen von globaler Dring­lichkeit in einem lokalen Kontext verhandeln. Hierfür bezieht sie die Tanzkünstlerinnen Amelia Uzategui Bonilla und Cherie Hill zur inhaltlichen Perspektivierung ihres Vorhabens, die beiden Tänzerinnen Kathrin Knöpfle und Kerstin Hilker sowie Laien und Zuschauer*innen mit ein. Die Jury überzeugte Callie Arnolds fundiertes und innovatives Konzept sowohl auf theoretischer als auch künstlerischer Ebene und sie plädiert für eine Förderung durch ein Arbeits- und Fort­bildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro.
 

Sophie Becker: ANIMALISTIC GROOVE

Inspiriert von animalischen Fortbewegungsmustern widmet sich Sophie Becker in diesem Forschungsprojekt der Entwicklung eines neuartigen Bewegungskonzeptes. In Zusammenar­beit mit dem Sportwissenschaftler und Finding Flow-Gründer Nil Teisner sollen Bewegungs­strukturen verschiedener Tiere detailliert erforscht und auf den menschlichen Körper übertra­gen werden. In gemeinsamen Trainingseinheiten werden dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Finding Flow Technik mit zeitgenössischer Tanztechniken körperlich-experi­mentell recherchiert und beleuchtet. Besonderer Fokus liegt dabei auf der Übertragung anima­lischer Bewegungsprinzipien auf den menschlichen Körper unter der Fragestellung deren Effi­zienz, Dynamik, Vielfältigkeit und Anpassungsfähigkeit. Ziel des Forschungsprojekts ist es, eine physische Sprache zu entwickeln, die sowohl auf künstlerischer als auch tanzpädagogi­scher Ebene eine Umsetzung animaler Bewegungsmodelle in den Tanz ermöglicht. Die Jury ist von der Grundidee des Projekts und der Zusammenarbeit mit Expert*innen aus der Sport­wissenschaft überzeugt und empfiehlt die Recherche mit einem Arbeits- und Fortbildungs­stipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.
 

Sahra Huby: Andere Körper/Neue Kartografien

Sahra Huby fällt in der Tanzlandschaft Münchens wiederholt durch kreative, neue Ansätze und Ideen auf. Ob „Dance Kitchen” oder im vergangenen Sommer mit den „Lockdown-Sketches”: die Vielfalt der Ideen und der Wille zum Medienwechsel tragen stark zur Bereicherung der Bandbreite von Tanz bei. Mit ihrer Stipendiumsidee „Andere Körper/Neue Kartografien” knüpft die Tänzerin, die immer wieder in Stücken von Anna Konjetzky brilliert hat, an den Körper im Lockdown an: sie begreift die Tanzszene als einen „gemeinschaftlichen Körper”, der, schwer traumatisiert ist durch die Pandemie, sich im digitalen Netz auflöst, aber auch erweitert. Der biologische Blickwinkel auf den Menschen als Teil der Natur, dessen Handeln Konsequenzen hat, anstatt als Krone der Schöpfung, um sich die Welt untertan zu machen ohne jedwede Konsequenzen, ist seit Ausbruch der Pandemie mehr denn je auf dem Prüfstand. Huby denkt dieses Spannungsfeld einen Schritt weiter. Der globale Körper wird dabei zum Gegenstand einer kartografischen Analyse, deren Resultate in Form eines neuartigen Anatomie-Konzepts für Tanzschaffende und Laien aufbereitet werden sollen. Hierbei verbindet Huby drei Achsen der Tanzkörperbetrachtung: Das gefilterte Bild auf den Körper in seiner anatomischen Physi­kalität, aber auch in seiner permanenten Relation zur direkten Umgebung; das Sichtbar­machen der emotionsgeleiteten Imaginationen zum eigenen Körper inklusive Idealvorstel­lungen und Traumata (hier verorten sich die Lockdown-Sketches); um auf Basis dieser Stufen alternative Körperwelten sichtbar und denkbar zu machen. Die Jury empfiehlt, die Recherche mit einem Arbeits- und Fortbildungs­stipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.

Kolja Huneck: Magie & Zirkus – Einflüsse in den darstellenden Künsten

In Frankreich entwickelt sich die Zauberei seit zwei Jahrzehnten zu einer eigenen Sprache in den darstellenden Künsten. Anders als in der klassischen Zauberei geht es der „Magie Nouvel­le“ nicht mehr vordergründig um den Zaubereffekt, sondern um die Wirkung und den Einsatz von Magie als dramaturgischer Sprache. Deutschland ist von dieser Entwicklung bisher über­wiegend abgekoppelt. Dies will der Zirkuskünstler Kolja Huneck ändern, indem er dieses inno­vative Genre erforscht und seine Erkenntnisse mittels einer deutschsprachigen Publikation zu­gänglich macht. Der Schwerpunkt der theoretischen Recherche liegt auf der Beziehung von Subjekt, Objekt und nicht-menschlichen Akteuren. Viele Zirkusdisziplinen basieren auf der Auseinandersetzung mit einem Objekt, das durch menschliches Können ‚gemeistert‘ wird und die Naturgesetze überwindet. Zeitgenössischer Zirkus und Magie orientieren sich aber viel­mehr an posthumanistischen Theorien, die den Objekten eine eigene ‚Agency' zuschreiben, aufgrund der sie zu nicht-menschlichen Akteur*innen mit eigenem Ausdruck werden. In seiner künstlerischen Praxis will Kolja Huneck die Objektmanipulation und Bewegungskunst eng mit der Magie verbinden. Magie als dramaturgische Sprache in Verbindung mit Tanz und Jonglage soll fester Bestandteil seiner für 2022/23 geplanten neuen Soloproduktion werden. Hierbei soll das Arbeits- und Fortbildungsstipendium die praktische und theoretische Recherchearbeit, eine Fortbildung am Centre National des Arts du Cirque en Mouvement in Châlons-en-Champagne, Interviews und Austauschtreffen sowie die Finanzierung einer Publikation. unterstützen. Aufgrund der herausragenden Arbeit Hunecks im Feld des zeitgenössischen Zirkus ist die Jury überzeugt, dass seine Forschung die Entwicklung dieses Genres auf rele­vante Weise befördern wird und empfiehlt, dieses Vorhaben mit einem Arbeits- und Fortbil­dungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.
 

Carolin Jüngst: Future Shock

In ihrem Forschungsprojekt setzt sich Carolin Jüngst gemeinsam mit Lisa Rykena mit gegen­wärtigen Strategien und möglichen alternativen Erzählungen der Zukunftsforschung auseinan­der. Ausgangspunkt sind die Prophezeiungen des amerikanischen Futurologen Alvin Toffler aus der Perspektive der 1970er Jahre: Bei „zu viel Veränderung in zu kurzer Zeit“ gerät die Psychologie einer Gesellschaft in Schockstarre und befindet sich in permanentem Stress. Doch welche Rolle spielt der menschliche Körper in diesen Vorahnungen? Mit Blick darauf, welche Gesetzmäßigkeiten von wem für einen Körper der Zukunft geschrieben werden und welche Codes in der Sichtweise und Wertung von Körperlichkeit entstehen, öffnet sich die Recherche dem Blick auf Körperkonzepte, die gegen bestehende normative Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft aufbegehren. Aus dem Recherchematerial von Interviews mit For­scher*innen der Forschungsgruppe Zukunftsfragen der Ludwig-Maximilians-Universität Mün­chen sowie dem Austausch mit Tänzer*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen unterschied­lichster Bereiche zu ihrem jeweiligen Blick auf Körper, werden utopische Geschichten eines zukünftigen Körperbildes gesammelt, welche in verschiedenen choreographischen und kon­zeptionellen Skizzen verwoben werden. Diese bilden den Ausgangspunkt für eine Bühnenpro­duktion, welche 2022 umgesetzt werden soll. Die Jury ist sich der zunehmenden Brisanz des Themas der Körperlichkeit in der digitalen Gegenwart und Zukunft bewusst und unterstützt deren künstlerische Reflexion und Recherche und empfiehlt daher „Future Shock“ mit einem Arbeits- und Forschungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.

Quindell Orton: Brüche erzeugen: Eine Untersuchung künstlerischer Praxis als Metho­de für Widerstand und Reform

Die freischaffende Tänzerin und Choreografin Quindell Orton arbeitet in Australien und in Mün­chen. Sie hinterfragt und sucht nach „körperlicher Durchsichtigkeit“ (physical transparency ), Verspieltheit und Herausforderung im Körper. 2008 gründete sie die site-specific-company Anything is valid Dance Theater, mit der sie viele Projekte kreierte und weltweit gastiert. Sie wurde 2018 von der Dance Australia Critic's Survey zur interessantesten australischen Künst­lerin gekürt. Ihr Stück Dust on the Shortbread wurde bei den Performing Arts Awards WA 2018 als beste Produktion ausgezeichnet. 2019 war Quindell Mitglied des Tanzhaus NRW Digital Dance Lab und choreographische Assistentin für Anna Konjetzky. In 2020 arbeitete sie mit Evandro Pedroni für “Everything Blue” im HochX, mit Anna Konjetzky für die Produktion DIVE (Märzpremiere wegen Corona verschoben) und hat mit ihr für die Lockdown Sketches im Play­ground studio in München zusammengearbeitet, sowie für die Projekte “Nomadische Akade­mie” in Athen und “For The Experts...”, eine Recherche, die sich mit der Rolle der Kunst in unserer aktuellen Gesellschaft beschäftigt hat, und daraus Gesprächsformate zwischen Kün­stler*innen, Politiker*innen und der lokalen Gesellschaft entwickelt und initiiert hat. Nach eige­ner Aussage spürt die Künstlerin in diesem Moment der Krise mehr denn je die Notwendigkeit, ihre künstlerische Praxis zu den Veränderungen, die die heutige Gesellschaft braucht, in Ver­hältnis zu setzen. Dabei untersucht Quindell Orton, wie Widerstand geleistet werden kann und wie die vorhandenen normativen und oftmals repressiven und diskriminierenden Systeme neu geformt werden können. Als Solistin und im Dialog mit Gastkünstler*innen, wird sie Praktiken sowohl für die Studioarbeit als auch für öffentliche Räume entwickeln, um Brüche in diesen Systemen zu erzeugen. Die Jury ist von dieser Recherchearbeit, die auch auf Dialog und Ver­bindung innerhalb der Szene basiert, überzeugt und empfiehlt, dieses Projekt mit einem Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.

Susanne Schneider: Breathing With - Practices of Co-Existence?

Susanne Schneider ist Tänzerin und hat einen Master in Dance Education der Hochschule für Film, Musik und Darstellende Künste Frankfurt. Ihr Recherchevorhaben betrifft Methodenver­mittlung im zeitgenössischen Tanz und eine für alle zugängliche digitale Plattform, die sich mit ersten Ergebnissen bereits im Aufbau befindet. Ihre generelle Forschungsfrage, wie kinästhe­tische Empathie in einem Training für professionelle Tänzer*innen vermittelt werden kann, ent­wickelte sie auf Basis praktischer Probennotizen und theoretischer Recherche aus den Neuro­wissenschaften, der Phänomenologie, sowie der Tanzwissenschaft und unterrichtet diese bereits. Zentrale Themen sind dabei der „reflexive body“ als Körper, der sensorisch sinnliche Informationen visueller, taktiler, akustischer sowie propriozeptiver Natur aufnimmt und ver­arbeitet. Dieser bildet die Basis für den „intersubjective body“, der mit den anderen Tänzer*­innen im Raum interagiert. Das Arbeits- und Fortbildungsstipendium soll dazu dienen, die Methodik der Künstlerin um die Atmung in allen Facetten unter Berücksichtigung vielfältiger bestehender Forschungsansätze und Praktiken zu erweitern. Dabei ist es das übergeordnete Ziel von Susanne Schneider, eine expansive digitale Plattform zu schaffen, um Bewegungs­forschung zu dokumentieren und damit Tanzschaffenden frei zugänglich zu machen. Die Jury empfiehlt, dieses Vorhaben mit einem Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro zu fördern.

Lucy Wilke: Evolving Together

Das 2019 durch die Debütförderung geförderte Stück „Scores that shaped ourfriendship“ von Lucy Wilke und Paweł Duduś wurde nicht nur erfolgreich in der Probebühne schwere reiter und an den Münchner Kammerspielen gezeigt, sondern im November 2020 auch mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ in der Kategorie Darsteller*in Tanz ausgezeichnet. Aus­gehend von dieser äußerst produktiven Zusammenarbeit wollen die beiden Performer*innen Themen vertiefen, die im Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens stehen* queere Sexuali­tät, nicht normative Beziehungsformen, Identität und Sexualität von Menschen mit Behinde­rung und das Zelebrieren von Schönheit jenseits der Norm. Damit wollen Wilke und Duduś nicht nur mehr punktuelle Sichtbarkeit für queere und behinderte Körper und Themen er­reichen, sondern diese auch strukturell fest in der öffentlichen Wahrnehmung verankern. Für „Scores that shaped our friendship“ haben Wilke und Duduś eine eigene Bewegungssprache ge- und erfunden, die sich an Bewegungen orientiert, die beide unmittelbar gemeinsam aus-führen können. Im Rahmen des Arbeits- und Fortbildungsstipendiums wollen sie dieses tänze­rische Vokabular um neue Formen ergänzen und ihr gemeinsames Bewegungsspektrum er­weitern. Durch eine Konstruktion, mit der Wilke auch bei dynamischen Bewegungsabläufen sicher auf dem Rücken getragen werden kann, verschmelzen sie in ihrer eigenen Version eines posthumanen Poledance zu einem gemeinsamen Körper. Sie untersuchen die Auswir­kungen von Duduś fluider Geschlechtsidentität und Wilkes Behinderung auf den erotischen Unterhaltungstanz Burlesque, der sich in der Regel normativer Vorstellungen von Erotik und Schönheit bedient. Wilke und Duduś wollen die Energie, den Rhythmus und das feministische Empowerment des Flamenco in einen Tanz übersetzen, der auch von Wilke körperlich um­setzbar ist. Die Jury ist überzeugt, dass Lucy Wilkes und Paweł Duduś Recherchen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes aus einer queeren und be­hinderten Perspektive leisten und empfiehlt daher ein Arbeits- und Fortbildungsstipendium in Höhe von 8.000 Euro.

  • 2020
    Sandra Chatterjee, Leonard Engel, Angela Guerreiro, Mario Lopes Vieira da Silva, Ceren Oran, Zufit Simon, Alfredo Zinola
  • 2019
    Ingeborg Maria Engel, Sabine Glenz, Martina La Ragione, Katrin Schafitel, Rosalie Wanka
  • 2018
    Sandra Chatterjee, Léonard Engel, Stephanie Felber, Ceren Oran
  • 2017
    Anna Donderer, Judith Hummel, Katrin Schafitel, Zufit Simon
  • 2016
    Stephanie Felber, Sarah Huby, Mia Lawrence, Ceren Oran
  • 2015
    Stephan Herwig, Sarah Huby, Judith Hummel, Alfredo Zinola
  • 2014
    Annett Göhre, Yvonne Pouget, Micha Purucker, Mey Sefan, Sarah Israel (Debütförderung)

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