Einzelprojektförderung für Freie Tanzschaffende
Professionell arbeitende Künstler*innen und Gruppen können eine Projektförderung im Bereich Tanz beantragen.
Über die Förderung
Gefördert werden die Vorhaben professionell arbeitender Künstler*innen und Gruppen, die bereits erste künstlerische Erfolge in den freien darstellenden Künsten vorweisen. Die Projekte sollen über einen eigenständigen ästhetischen Ausdruck verfügen, relevante Diskurse der Gegenwart reflektieren und eine Bereicherung für die freie Münchner Szene darstellen.
Die maximale Förderungshöhe für Einzelprojekte beträgt 100.000 Euro. Es erfolgt eine Förderung der Produktion und einer begrenzten Zahl von Aufführungen. Komplementärfinanzierungen sind schlüssig nachzuweisen.
Die Förderung richtet sich an Künstler*innen aller Altersgruppen. Für den Beginn der künstlerischen Laufbahn ist die Debütförderung vorgesehen.
Die Einzelprojektförderung für Freie Tanzschaffende erhielten
Bad Posture Productions gUG / Ellis, Jasmine: Mothered
Mit „MOTHERED“ legt Jasmine Ellis / Bad Posture Productions gUG einen inhaltlich wie künstlerisch stringenten Antrag vor, der ihre bisherige choreografische Arbeit konsequent weiterentwickelt und an den Erfolg ihres vorangehenden Wiederaufnahmeprojekts anknüpft.
Ausgehend von der Frage, wie Männer sich zu Mutterschaft, Fürsorge und emotionaler Abhängigkeit verhalten, untersucht „Mothered“ das Thema toxischer Männlichkeit aus einer ungewohnten und hochaktuellen Perspektive heraus. Das choreografische Konzept überzeugt durch seine inhaltliche Tiefe und die differenzierte Auseinandersetzung mit patriarchalen Prägungen. Die Idee, fünf männliche Performer als Variationen derselben Narration von Sohnschaft, Fürsorge und der Suche nach neuen Formen gegenseitiger Verantwortung zu zeigen, eröffnet einen starken künstlerischen Zugang zu einem gesellschaftlich relevanten Thema. Besonders hervorzuheben ist die große gedankliche Durchdringung des Stoffes; zusätzlich macht der Antrag eine klare künstlerische Haltung und hohe persönliche Motivation der Künstlerin sichtbar. Die intensive Reflexion des Themas lässt erwarten, dass der choreografische Impuls mit Konsequenz und Tiefe umgesetzt wird und damit eine überzeugende Weiterentwicklung gegenüber den vorangegangenen Arbeiten gelingen kann. Die Jury würdigt „Mothered“ als einen sorgfältig entwickelten, inhaltlich starken und künstlerisch vielversprechenden Antrag, der ein wichtiges gesellschaftliches Thema mit einem originellen choreografischen Ansatz verbindet; aus diesem Grund empfiehlt die Jury die Förderung des Projekts in Höhe von 77.500 Euro.
Felber, Stephanie: „Vestigia“
Stephanie Felber ist eine feste Größe in den Münchner Tanzlandschaft mit zahlreichen internationalen Kooperationen und einer Strahlkraft, die weit über die Stadt hinausreicht. 2026 erhält sie den Förderpreis Tanz der Landeshauptstadt München. Ihr Antrag für eine Produktionsförderung im Jahr 2027 überzeugt durch eine konsequente Weiterentwicklung ihrer Handschrift bei gleichzeitigem Beschreiten von Neuland. Ein zentrales Mittel ihrer bisherigen Arbeiten war der Einsatz von Video. Für ihr Stück „Vestigia“ überträgt sie nun die Konventionen des Mediums in die Bewegung – Montage, Verlangsamung, Isolation sind Instrumente, mit denen sie eine choreografische Struktur von Gleichzeitigkeit und Brüchigkeit herstellt. Diese Struktur ist thematisch fundiert durch die Auseinandersetzung mit dem Körper als Erinnerungsort. Die Choreografin stellt sich mit ihrem renommierten Team die Frage, wie sich gesellschaftliche Umbrüche, Migration und Machtverhältnisse in den Körper einschreiben. Diese Beschäftigung stellt eine Fortsetzung der im Rahmen eines Stipendiums des Kulturreferats der Landeshauptstadt München durchgeführten Recherche dar. Methoden wie Moving Interviews, somatische Improvisationen und körperbasierte Erinnerungspraxen wurden als Tools entwickelt, um derartige Einschreibungen aufzufinden. „Vestigia“ verspricht, einen Wahrnehmungsraum für das Publikum herzustellen, in dem die Körpergeschichten auf der Bühne erfahrbar werden. Im Zusammenspiel mit Licht, Klang und Textfragmenten öffnet sich eine Landschaft zwischen Fremdheit und Vertrautheit, die die unsichtbaren Einschreibungen in unseren Körpern thematisiert und befragt, wie sich diese Spuren neu anordnen lassen, um gemeinsame Zukunftsräume zu entwerfen. Daher empfiehlt die Jury die Förderung des Projekts in Höhe von 52.300 Euro.
Herwig, Stephan: „It never was not political“
Stephan Herwig gehört zu einem der profiliertesten und kontinuierlich arbeitenden Choreografen der Münchner Szene. 2026 feiert er zwanzigjähriges Produktionsjubiläum, welches ihm auch den Impuls für sein neuestes Projektvorhaben lieferte. Dabei wendet er sich einer vermeintlich vertrauten Konstante seiner bisherigen Arbeit zu, um sie neu zu kontextualisieren: der politischen Dimension des Zusammenseins. Ausgehend von seiner langjährigen Praxis des ‚Hyper Awareness Field‘ stellt Herwig das Konzept der radikalen Empathie ins Zentrum einer gesellschaftspolitischen Befragung. Gerade in Zeiten einer polarisierten Welt und der Allgegenwart virtueller Räume sowie künstlicher Intelligenz behauptet er die menschliche Körperlichkeit in all ihrer Vulnerabilität als politisches Statement. Zusammen mit vier Tänzer*innen erforscht er Zustände des Zögerns, Stolperns und der Unsicherheit – Attribute, die uns zutiefst menschlich machen. Das Konzept besticht durch seine phänomenologische Tiefe, die das Politische nicht als laute Botschaft inszeniert, sondern als spürbare Form der zwischenmenschlichen Aufmerksamkeit erfahrbar macht. Durch ein kluges Zusammenspiel von visuellen und akustischen ‚Glitches‘ im intimen Bühnenraum des schwere reiter soll die Wahrnehmung des Publikums direkt herausgefordert werden, um neue Perspektiven auf das gemeinsame und gesellschaftliche Miteinander zu ermöglichen. Nach Herwigs Jubiläum freut sich die Jury darauf, diese neue Facette in seinem Schaffen zu erfahren, und empfiehlt eine Förderung in Höhe von 86.800 Euro.
Lee, Jin: Balhwa
Jin Jee und Jihun Choi – sie produzieren unter dem Namen ZINADA – haben sich seit ihrem mit der Debütförderung 2023 ermöglichten Stück „Huabun“ mit immer überraschenden, beim Publikum – auch international – erfolgreichen Produktionen als neue, vielversprechende Stimmen in der Münchner Tanzszene etabliert. Die letzte, ebenfalls städtisch geförderte Produktion „Nami“ bringt Jin Lee mit ihrer Mutter auf die Bühne und feiert bei der Tanzwerkstatt Europa Premiere. Das aktuelle Projekt „Balhwa“ greift auf ein so bewegendes wie bejubeltes Solo zurück, das 2023 bei der Plattform HIER=JETZT präsentiert wurde. Es thematisierte den körperlichen Zusammenbruch von Jihun Choi aufgrund jahrelanger Überlastung. Der Untertitel „Eine Performance über das Paradoxon der Resilienz“ benennt die Problemlage: Die Systeme, die uns tragen – als Individuen, in Beziehungen und Kollektiven –, sind jene, die uns verbrauchen. Sowohl in freiberuflicher künstlerischer Arbeit wie auch im Alltag. Angesichts dieses Circulus vitiosus aus Druck und Wertbeweis, Selbstbehauptung und Selbsterschöpfung will das Projekt den Rhythmus dieser Struktur offenlegen und untersuchen, wie sie den Körper destabilisiert und neu formiert. Interesse weckt dabei der choreografische Ansatz: die Entwicklung vom an die Grenze getriebenen Solo-Körper über Körper-Verkettungen bis hin zu komplexer Gruppen-Dynamik, wobei aus individuellen Impulsen übergreifende Strukturen und neue, alternative Muster entstehen. Die Jury ist auch überzeugt von dem für seine modularen Kompositionen und repetitiven Rhythmen bekannten Musiker Nik Bärtsch, von Aufführungen sowohl im fokussiert-intimen Theaterraum als auch im öffentlichen Raum und davon, dass neben der grandiosen Tänzerin Jin Lee vier weitere, ganz unterschiedlich arbeitende Münchner Tanzschaffende zu sehen sind. Entsprechend empfiehlt die Jury die Förderung dieses wiederum vielversprechenden Projekts in Höhe von 73.500 Euro.
Schillinger (Kriesmair), Hannah: „in finite (for mercedes)“
Hannah Schillinger hat sich in kürzester Zeit als aufregende*r Newcomer*in in der Münchner Tanzszene etabliert. Nach dem beachteten Debüt „field work“, das vergangenes Jahr bei der Tanzwerkstatt Europa Premiere feierte, und der darauffolgenden Arbeit „Joan“, zeigt der neue Antrag eine konsequente und hochspannende Weiterentwicklung Schillingers choreografischer Handschrift. Mit „in finite (for mercedes)“ widmet Schillinger sich einem queerfeministischen Re-Reading historischer Spuren und bringt das ‚hidden narrative‘ der fast vergessenen lesbischen Schriftstellerin, Modedesignerin und Vorreiterin Mercedes de Acosta auf die Bühne.
Choreografisch wählt Schillinger einen radikal körperlichen Ansatz: Mit einem fünfköpfigen Ensemble werden die intimen und politischen Überschneidungen von Stimming, Sexualität und analogen Cruising-Praktiken im Kontext von neuroqueerer Lust und Begehren untersucht. Der Antrag überzeugt durch eine fundierte theoretische Rahmung, ein klares Konzept und eine historische Spurensuche, die Hannah Schillinger mit Unterstützung des Goethe-Instituts bis nach Paris führte. Besonders hervorzuheben ist Schillingers ausgeprägter Sinn für Vermittlung: Mit einem vielfältigen Netzwerk an Kollaborationen und dem Einsatz von Audiodeskription wird der performative Raum aktiv für eine diverse Community geöffnet. Ein dringlicher, sex- und stimpositiver Beitrag zur Emanzipation auf der zeitgenössischen Bühne. Die Jury begrüßt dieses Vorhaben und empfiehlt die Förderung des Projekts in Höhe von 78.000 Euro.
Zinola, Alfredo: „Funny“
Der Choreograf und Performer Alfredo Zinola arbeitet in seinen Stücken schon lange erfolgreich daran, die sogenannte ‚vierte Wand’ abzubauen und dafür authentische und unmittelbare Begegnungen zwischen dem Publikum und den Performenden herzustellen – nicht selten teilt man sich den Bühnenraum und ist dadurch ganz nah dran am Geschehen. So ist es nur konsequent, dass „Funny“ das Theater HochX in einen choreografischen Parcours verwandeln soll und damit zu einer partizipativen Theatererfahrung für Kinder und Erwachsene wird. Das Publikum wird durch verschiedene Räume geführt, wobei viel Raum entsteht für persönliche Erinnerung und Assoziation, vor allem aber für Begegnung und Interaktion. Zinola ist ein Künstler, der es schafft, mit wenig Mitteln viel zu erreichen, nämlich: großes Staunen. Aus seinen Stücken geht man nicht einfach heraus, man nimmt etwas mit, man hat etwas erlebt, etwas erfahren, etwas geteilt. In seinen Arbeiten ist Humor am Werk, Witz und Poesie. Wir sehen nie Gesehenes, wir fühlen nie Gefühltes, und vieles berührt einen unerwartet und unmittelbar. „Funny“ verspricht all das und die Jury hat keinen Zweifel an der gelungenen Umsetzung – sie empfiehlt die Förderung des Projekts in Höhe von 29.225 Euro.
- 2026
Cristina D’Alberto; Stephan Herwig; Hannah Kriesmair; Jin Lee; Quindell Orton; Micha Purucker; Riess Neustadt GbR - 2025
Alina Belyagina; Bruch GbR; Léonard Engel; Lena Grossmann; Micha Purucker; Rykena/Jüngst GbR - 2024
Stephanie Felber; Stephan Herwig; Kolja Hunek; Jasmine Ellis; Anna Konjetzky/Orten/Schneider/Huby; Jin Lee und Jihun Choi; Micha Purucker; Rosalie Wanka - 2023
Matteo Carvone; Sandra Chatterjee; Leonard Engel; Stephanie Felber; Anna Konjetzky; Micha Purucker; Katja Wachter; Alfredo Zinola - 2022
Diego Tortelli & Miria Wurm GbR; Jasmine Ellis Felber; Stephan Herwig; Micha Purucker; Zufit Simon