Starter Filmpreise

Auszeichnungen für künstlerisch herausragende Filme insbesondere von jungen, noch nicht etablierten Münchner Filmemacher*innen.

Über den Preis

Die Landeshauptstadt München vergibt jährlich drei mit jeweils 8.000 Euro dotierte Starter-Filmpreise für künstlerisch herausragende Filme insbesondere von jungen, noch nicht etablierten Münchner Filmemacher*innen, die in ihrer Arbeit einen kreativen Umgang mit dem Medium und stilistische Innovationsmomente erkennen lassen. Zusätzlich wird ein Starter-Filmpreis / Produktion vergeben - als geldwerte Leistung für die Postproduktion eines künftigen Films in Höhe von 8.000 Euro, gestiftet von Pharos – The Post Group. Eine Eigenbewerbung ist erforderlich. Die Starter Filmpreise werden seit 2019 im Rahmen des Filmfests München verliehen. (2020 wurden sie aufgrund der Corona-Pandemie im Rahmen der Münchner Filmkunstwochen verliehen).

Die Starter Filmpreise erhielten

  • Felix Klee
  • Hilarija Laura Ločmele
  • Lara Milena Brose & Kilian Armando Friedrich
  • Erec Brehmer (Starter-Filmpreis / Produktion 2022)

Jurybegründungen

Hoamweh Lung – Felix Klee

Unter der Lüftlmalerei eines sterbenden Bauernhofs steht Sheila. Und Sheila stirbt auch. Sheila ist ein Pferd. Und Sheila hat Staub in der Lunge. So einfach ist das: Hier geht es um das Ende.

Und so komplex ist das: Es geht natürlich nicht nur um das Gehen dieses Pferdes und auch nicht nur um das Verschwinden eines Hofs allein. Es geht um das Vergehen selbst, das Abschiednehmen und um das, was bleibt und sich als Erinnerung und Sehnsucht verfestigt.

Einen „experimentellen Abschied“ nennt der Regisseur Felix Klee seinen Film in den Regienotizen. 3D-Animationen, Bildschirmaufnahmen und dokumentarisches Material verbinden sich zu einem Essay über Konstruktion und Rekonstruktion von Erinnerung, der seine vielen Fäden geschickt lose lässt und nebeneinander stellt.

Praktisch ohne Geld, dafür mit bestechender Gedankentiefe baut der Filmemacher hier Räume, die es so nie gegeben hat: Der Film taucht in die Lungen eines sterbenden Pferdes ein und in eine Topographie, die am Computer gestaltet wurde. Klee – verantwortlich für Regie, Buch, Kamera, Animation und Schnitt – untersucht das Hoamweh, das im ganzen Film spürbar ist, bis hin zur Mundart; und doch ist er sich jederzeit bewusst, wie trügerisch dieses nostalgische Gefühl ist.

Denn alle Erinnerung ist Konstruktion: In einer Zeit, in der die Welt in Metaversen aufgehen soll, ist Klees Umgang mit Animation besonders spannend. Ganz genau beschreibt er einen Punkt in seiner Biografie und auf der Landkarte und wird dabei universell. Natur wird durch Digitalnatur ersetzt, die Kamera streift durch errechnete Pflanzen, durch die ein Wind aus der Retorte geht. „Hoamweh Lung“ ist ein poetischer Film, der ganz im Sinne des Starter-Filmpreises neue Wege des Filmischen absteckt.
 

Desired Child – Hilarija Laura Ločmele

Es steht ein Elefant im Raum. Die aus Lettland stammende Filmemacherin Hilarija Ločmele hat sich dazu entschlossen, diesen mit ihrem Dokumentarfilm „Desired Child“ endlich sichtbar zu machen. Der Tod ihrer Schwester Agnese, die mit nur sieben Jahren an einem Gehirntumor starb, ist zwar kein Familiengeheimnis (Fotos und Videos von ihr existieren) – aber in Hilarijas Familie wird nicht darüber gesprochen, was dieser Tod für alle bedeutet und wie er bis heute ihr Verhalten prägt.

Hilarija hat ihre Schwester nie kennengelernt, aber die innere Verbindung zu ihr ist stark. Für den Film sucht sie alte Fotos und Videofilme hervor, konfrontiert ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre beiden Brüder mit der Existenz Agneses und ihrer eigenen.

Hilarija Ločmele erzählt in ihrer Muttersprache, auf Lettisch, im Off, und sie versteht es trotz ihrer persönlichen Betroffenheit, die nötige Distanz zu wahren. Mit poetischer Sprache gelingt es ihr, die Trauer der Eltern und die Leerstelle, die Agnese hinterlassen hat, einzufangen. Auch findet sie passende Bilder, um die innere Unruhe der Familie darzustellen: Im durchgestylten, modern eingerichteten Haus wird ständig umgebaut und renoviert. „How to repair something that cannot be fixed?“ fragt Hilarija. Wenn die Regisseurin ihre Familie sprechen lässt, hält die Kamera ihre Gesichter fest. Der Ton dagegen läuft im Off weiter – ein filmisch geschickter Weg, um die Distanz zu ihrer eigenen Geschichte wahren zu können. Die weite Landschaft ihrer Heimat, die See, die Felder erscheinen als lebendiger Kontrast zum eher düsteren Inneren der Häuser. Denn trotz der hellen Sommertage herrscht dort eine Atmosphäre der Isolation. Der Filmschnitt, die sparsam eingesetzte Musik und die ruhige Kameraführung fangen dies präzise ein.

In nur dreißig Minuten gelingt es Hilarija Ločmele, die systemischen Auswirkungen der Leerstelle Agnese in ihrer Familie auf poetische Weise auszudrücken. Der Film berührt, ohne sentimental zu sein. Er ist persönlich, aber nicht zu intim. Die Filmemacherin hat einen stimmigen Weg gefunden, dem Schmerz der Familie nicht mehr aus dem Weg zu gehen, sondern ihm sanft und in ihrer eigenen Sprache zu begegnen. Dabei ist fast nebenbei ein Denkmal für ihre kleine große Schwester Agnese entstanden.
 

Überleben – Lara Milena Brose & Kilian Armando Friedrich

„Ich will Fallschirmspringen und auf einem Elefanten durch Asien reisen”, das sind die zwei Wünsche, die sich Leon auf jeden Fall noch erfüllen will. Nicht undenkbar für einen 26-jährigen, dem die Welt noch scheinbar offen steht. Doch die Welt steht Leon gar nicht offen: im Therapiezentrum OPEN wird sein Alltag strikt reglementiert. Ein Alltag, den er hier erst wieder neu erlernen muss. Drogendeals, Diebstahl, Zuhälterei, die ganzen Stationen einer beinahe klassischen Drogenkarriere. Das war Leons Welt. Jetzt kämpft er in der Reha leise wieder für sich. Beim Wäschefalten. Im zögernden Gespräch.

So ganz anders als sein Vater: Hans Joachim, ein umtriebiger Künstler, der gegen seinen alternden Körper, seine eigene Sterblichkeit mit fast kauziger Verbissenheit mit Land-Art-Aktionen und seinem detailreichen Audio-Tagebuch ankämpft. Der Film ist ein Doppelportrait von Leon und seinem Vater, ein Diptychon, in dem sich zwei Menschen gegenüberstehen und sich eine stille, klaffende Wunde auftut. Es gibt keine Nähe, keine Geste des Verstehens oder der Zuneigung zwischen Vater und Sohn.

Ein überaus kluger Film, der sparsam aber effektiv seine filmischen Mittel einsetzt, auf Lücken in der Erzählung setzt und das Leiden der beiden am Leben, das Unsagbare, das die beiden trennt, in wenigen Federstrichen skizziert. Hier spielen auch die souveräne Bildgestaltung von Jacob Kohl und die suggestive, wie raumgreifende Musik von Silvio Buchmeier eine wichtige Rolle. Leon bricht seine Therapie ab und stirbt an einer Überdosis. Ein Film, der verstört und tief berührt.

Starter-Filmpreis / Produktion 2022

Wer wir gewesen sein werden – Erec Brehmer

Wie umgehen mit Trauer, mit Neuanfang, mit dem Wiederfinden der eigenen Identität nach einem Riss im Leben? Wie eine Liebesgeschichte erzählen, die durch einen furchtbaren Schicksalsschlag beendet wird? Erec Brehmer schreibt sie weiter im Futur II.

„Wer wir gewesen sein werden" ist ein bemerkenswerter Film, der sich auf höchst subjektive Weise dem eigenen Unglück und dessen Bewältigung widmet. Bei einem Autounfall auf der Rückfahrt vom Skifahren stirbt Brehmers junge Freundin, die den Wagen steuert. Er sitzt neben ihr, überlebt den Unfall schwer verletzt. Einen Monat zuvor hat er erst sein Studium an der HFF München abgeschlossen. Gleichsam als Therapie beginnt der junge Regisseur nun nach der mühsamen Rekonvaleszenz sich langsam dem Trauma filmisch zuzuwenden und verarbeitet die gemeinsame Geschichte zu einem höchst bewegenden, intimen und aufwühlenden Film, der aber zugleich von universeller Aussagekraft ist. Mit geringen Eigenmitteln – das Budget betrug nur rund 3.000 Euro – gelingt es Erec Brehmer unter Verwendung von Social-Media-Auszügen, Handy-Bildern, privaten Amateuraufnahmen, Tagebucheinträgen und gemeinsam gehörter Musik ein komplexes Bild der gewesenen Partnerschaft, der gewesenen geliebten Lebenspartnerin entstehen zu lassen. Zugleich vermittelt der Film viel von den verschiedenen Phasen des schmerzhaften Trauerprozesses, den der erzählende Protagonist durchmacht. Es ist ein Werk über Nähe und Ferne, über Loslassen und Weitergehen, über Altes und Neues. Das Kunststück dabei ist, dass „Wer wir gewesen sein werden" seinem klug gewählten Titel gerecht wird: Es entsteht eine sensible Brücke zwischen der Vergangenheit des gefilmten Lebens und der Zukunft in einer filmischen Aufarbeitung. 81 Minuten, die nachdenklich stimmen, berühren und zugleich neugierig machen auf die kommenden Wege des vielversprechenden Filmemachers.

Mitglieder der Jury

Der Jury gehörten unter der Leitung von Kulturreferent Anton Biebl an:
Markus Aicher (Bayerischer Rundfunk), Dunja Bialas (Filmjournalistin), Claudia Engelhardt (Filmmuseum München)
Christoph Gröner (Filmfest München), Linda-Schiwa Klinkhammer (Filmemacherin, Starter-Preisträgerin 2021)
Daniel Sponsel (DOK.fest), Stadträtin Marion Lüttig, Fraktion Die Grünen-Rosa Liste, Stadtrat Thomas Niederbühl, Fraktion Die Grünen-Rosa Liste, Stadträtin Ulrike Grimm, Fraktion der CSU mit FREIE WÄHLER, Stadtrat Leo Agerer, Fraktion der CSU mit FREIE WÄHLER, Stadtrat Lars Mentrup, Fraktion SPD/Volt

  • 2022
    Felix Klee, Hilarija Laura Ločmele, Lara Milena Brose & Kilian Armando Friedrich, Erec Brehmer (Starter-Filmpreis / Produktion 2022)
  • 2021
    Linda-Schiwa Klinkhammer, Josef Fink, Verena Wagner, Denise Riedmayr (Regie), Lillian Malan und Philipp Link (Produktion) (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2020
    Mariko Minoguchi, Anna Roller, Berthold Wahjudi, Narges Kalhor (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2019
    Benedikt Schwarzer, Lisa Voelter, Christian Hödl und Lene Pottgießer, Alex Schaad und Richard Lamprecht und Veronika Faistbauer (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2018
    Sylvain Cruiziat und Mila Zhluktenko, Jovana Reisinger, Anatol Schuster, Anna Roller und Tanja Schmidbauer (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2017
    Moritz S. Binder, Annelie Boros, Michael Ciesielski, Yulia Lokshina, Isabelle Bertolone, Marius Ehlayil (wirFILM) (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2016
    Mirjam Orthen, Matthias Koßmehl, Alexander Costea, Jakob Gross (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2015
    Franziska Schönenberger und Jayakrishnan Subramanian, Paul Meschùh, Helen Simon, Ozan Mermer (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2014
    Isa Micklitza, Isa Willinger, Anna Brass, Lukas Baier (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2013
    Wolfram Huke, Anna Frances Ewert, Pauline Roenneberg, Sebastian Bartetzko, Philip Grabow, Tobias Huber (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2012
    Michael Reithmeier, Peter Künzel und Frank Müller, Claudia Heindel, Josef Mayerhofer, Konstantin Ferstl (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2011
    Mareille Klein und Julie Kreuzer, Jesper Petzke, Christine Repond, Claudia Lehmann und Daria Onyshchenko (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH), Peter Baranowski (lobende Erwähnung)
  • 2010
    Jens Junker, Andy Wolff und Stefanie Brockhaus, Tomasz Emil Rudzik, Benedikt Böllhoff und Max Frauenknecht, Via Film GbR (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2009
    German Kral, Pia Strietmann, Stefanie Brockhaus und Pary El Qualqili (geteilter Preis), Mickel Rentsch (Starter Filmpreis / Produktion gestiftet von ARRI Media GmbH)
  • 2008
    August Pflugfelder, Alexander Riedel, Tim Trachte, Kathrin Geyh, Daniela Ljubinkovic, Regisseurin und Co-Produzentin Michaela Kezele, Target Film Produktion GbR, Mieko Azuma
  • 2007
    Oliver Haffner, Baran Bo Odar, Saara Aila Waasner
  • 2006
    Jens Christian Börner, Florian Gaag, Eva Marel Jura, Korinna Krauss und Janna Ji Wonders
  • 2005
    Jakob M. Erwa, Sonja Heiss, Gil Mehmert
  • 2004
    Sikander Goldau, Benjamin Heisenberg, Judith Malek–Mahdavi, Jens Schanze
  • 2003
    Maurus vom Scheidt, Ralf Westhoff
  • 2002
    Johannes Kaltenhauser und Florian Vogel, Stefanie Sycholt, Anthony Lew Shun
  • 2001
    Bettina Timm, Maren Ade, Markus Mörth
  • 2000
    Marco Petry, Christian Ehrhardt, Steffen Schäffler
  • 1999
    Florian Gallenberger, Christoph Stark, Sebastian Steinbichler und, Florian Vogel
  • 1998
    Matthias Lehmann, Benjamin Herrmann, Harald Rumpf, Thomas Riedelsheimer
  • 1997
    Jochen Kraus, Florian Schneider, Beryl Schennen, Vuk Jevremovic, Peter Thorwarth
  • 1996
    Uli Kick, Thomas Ciulei, Ulrich Gambke
  • 1995
    Stephan Puchner, Henrik Heckmann, Patrick Hörl
  • 1994
    Ulrich Weis, Erica und Paco Joan, Veit Helmer, Stefan Schneider ⁄ Walter Feistle
  • 1993
    Rainer Matsutani, Hans–Christian Schmid, Katja von Garnier
  • 1992
    Alexander Ammer, Walter Wehmeyer, Wladek Brobowski, Romuald Karmakar, Carsten Steigerwald
  • 1991
    Rainer Kaufmann, Hans Lang (Dokumentarpreis)
  • 1990
    Ralf Huettner, Nicolas Humbert (Dokumentarpreis)
  • 1989
    Maris Pfeiffer, Werner Prenzel (Dokumentarpreis)
  • 1988
    Lutz Konermann, Peter Heller (Dokumentarpreis)
  • 1987
    Philip Gröning, Claus Strigel und Betram Verhaag, DENKmalfilm (Dokumentarpreis)
  • 1986
    Ute Wieland
  • 1985
    Maria Knilli