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Neue Anlaufstelle für Betroffene

Soforthilfe für Betroffene von Missbrauch in Heimen, Pflege- und Adoptivfamilien

16. August 2022

Soforthilfe und wissenschaftliche Aufarbeitung

Oberbürgermeister Dieter Reiter stellt zusammen mit dem Vorsitzenden der Expertenkommission Ignaz Raab sowie der stellvertretenden Vorsitzenden Carola Baumgartner (rechts) und der Geschäftsführung der Expertenkommission Cornelia Abeltshauser die Eröffnung der Anlaufstelle für Betroffene vor.
Michael Nagy
Oberbürgermeister Dieter Reiter stellt zusammen mit dem Vorsitzenden der Expertenkommission Ignaz Raab sowie der stellvertretenden Vorsitzenden Carola Baumgartner (rechts) und der Geschäftsführung der Expertenkommission Cornelia Abeltshauser die Eröffnung der Anlaufstelle für Betroffene vor.

1,7 Millionen Euro für Soforthilfe, Angebotsstruktur und wissenschaftliche Aufarbeitung

München hat sich als erste große Kommune entschieden, die Missstände und Gewalterfahrungen ehemaliger Heim-, Pflege- und Adoptivkinder, die unter der Obhut des Jugendamts standen, umfassend aufzuarbeiten. Eine hierfür eingerichtete Expertenkommission (siehe Artikel unten) hat nun eine Anlaufstelle eingerichtet, die beim Kinderschutz München e.V. angesiedelt ist. Sie soll die Betroffenen bestmöglich unterstützen.

Die Expertenkommission sieht vor allem die dringende Notwendigkeit, dass Betroffene, die sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand befinden, schnellstmöglich erste finanzielle Hilfen erhalten. Oberbürgermeister Dieter Reiter: „Es ist wichtig, jetzt schnell erste Soforthilfen zu ermöglichen und damit die Lebenssituation Betroffener zu verbessern, die noch heute unter den Missständen leiden, denen sie in ihrer Kindheit und Jugend ausgesetzt waren.“

Einige Personen haben sich bereits bei der Kommission gemeldet. In einem Fall, der besonders dringlich war und somit ein akuter Handlungsbedarf bestand, wurde auch schon eine erste Auszahlung durchgeführt. „Das zeigt, wie schnell hier gehandelt werden kann und das begrüße ich ausdrücklich,“ so der OB.

Betroffene können sich an die Anlaufstelle wenden, die sie dabei unterstützt, die Soforthilfe zu beantragen (Ablauf siehe Kasten). Die Anlaufstelle fungiert zudem als Lotse, um Betroffene, die eine intensive therapeutische Begleitung wünschen, an entsprechende Stellen weiterzuvermitteln.

In einem ersten Schritt stehen für die Soforthilfe 800.000 Euro bereit. Sie sind nur ein Vorgriff auf die Anerkennungsleistungen, die aktuell von der Kommission erarbeitet werden. Diese Mittel werden 2023 beantragt werden. 900.000 Euro zahlt die Stadt zudem für die Angebotsstruktur sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung.

Antrag auf Soforthilfe bei der Anlaufstelle für Betroffene stellen

„Wir nehmen auf, wir hören zu, wir nehmen uns die Zeit, die Geschichten der Betroffenen zu hören“ – so können ehemalige Heim-, Pflege- und Adoptivkinder, die missbraucht wurden, bei der neuen Anlaufstelle Soforthilfe beantragen:

  • Der/die Betroffene meldet sich per E-Mail oder telefonisch. Die Kontaktaufnahme kann im ersten Schritt auch anonym erfolgen.
  • In einem ersten Kontakt per Telefonat/E-Mail-Austausch mit der Anlaufstelle wird gefragt, ob der/die Betroffene bereit ist, einen Antrag auf finanzielle Leistungen auszufüllen und wie das erfolgen soll.
  • Der Antrag enthält standardisierte Fragen (etwa zur erlebten Gewalt) und orientiert sich an dem Antrag der Geschäftsstelle Fonds sexueller Missbrauch der Bundesregierung.
  • In der Regel wird der Antrag im Rahmen eines persönlichen Gesprächs oder begleitet durch ein persönliches Gespräch in der Anlaufstelle ausgefüllt.
  • Der Antrag kann auch zugesendet werden, so dass er zuhause zum Beispiel mit einem/einer Therapeut*in oder einer anderen Vertrauensperson ausgefüllt werden kann.
  • Das Gespräch kann mit männlichem oder weiblichem Gesprächspartner geführt werden, bevorzugt persönlich, in bestimmten Fällen auch online per Videokonferenz.
  • Das Gespräch kann bei Bedarf unterbrochen und zu einem anderen Zeitpunkt fortgesetzt werden.
  • Dem Antrag können Unterlagen (zum Beispiel Atteste, Diagnosen) beigefügt werden.
  • Die Anlaufstelle übermittelt den Antrag an die Expertenkommission (mit Einwilligung der Betroffenen).
  • Die Expertenkommission entscheidet über den Antrag.

Kontaktdaten
E-Mail: anlaufstelle@kinderschutz.de
Telefon: 089 231716-9170
www.kinderschutz.de/anlaufstelle

Lückenlose Aufklärung des Missbrauchs

Ignaz Raab, Vorsitzender der Expertenkommission und ehemaliger Leiter des Kommissariats für Sexualdelikte, mit Bürgermeisterin Verena Dietl.
Michael Nagy
Ignaz Raab, Vorsitzender der Expertenkommission und ehemaliger Leiter des Kommissariats für Sexualdelikte, mit Bürgermeisterin Verena Dietl.

Expertenkommission und Betroffenenbeirat arbeiten auf Augenhöhe

Im vergangenen Jahrhundert wurden viele tausend Kinder durch die Stadt in Heimen, in Pflege- und auch Adoptivfamilien untergebracht. Um die in der Obhut des Jugendamts aufgetretenen Missbrauchsfälle aufzuarbeiten, hat die Stadt 2021 eine Expertenkommission eingerichtet. „Die Landeshauptstadt München stellt sich ihrer Verantwortung für die historischen Missstände ihrer Institutionen,“ so Bürgermeisterin Verena Dietl.

Das unabhängige Gremium mit 14 Mitgliedern hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschehnisse lückenlos aufzuklären. Zudem untersucht die Kommission die Erfahrungen nach der Unterbringung: Viele Geschädigte hatten bereits frühzeitig auf traumatisierende Erfahrungen hingewiesen, wurden aber nicht ernst genommen oder sogar diffamiert und abgelehnt. Die Kommission wird dazu beitragen, dass erfahrenes seelisches und körperliches Leid anerkannt wird und somit den Betroffenen, wenn auch erst sehr spät, Gerechtigkeit widerfährt.

Darüber hinaus will die Kommission einen Betroffenenbeirat einrichten. Er soll als zweites, unabhängiges Gremium den Aufarbeitungsprozess begleiten und befindet sich als gleichwertiges Gremium auf Augenhöhe mit der Expertenkommission. Der Beirat entsendet zudem zwei Mitglieder in die Kommission, so dass auch in diesem Gremium aktiv die Perspektive der Betroffenen eingebracht wird.

„Mir als Oberbürgermeister ist es ein persönliches Anliegen, die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen,“ so Dieter Reiter. „Erstmals haben wir dafür eine unabhängige Expertenkommission, die sich allein der Aufarbeitung dieser schrecklichen Taten widmet. Deshalb gilt mein Dank vor allem den Mitgliedern der Kommission für ihr großes Engagement! Wir können nicht ungeschehen machen, was geschehen ist, aber wir können versuchen, das Leid der Betroffenen so gut es geht zu lindern, indem wir Missstände offen benennen und als Stadtgesellschaft anerkennen.“

Mitglied werden

Betroffene, die sich im Betroffenenbeirat engagieren möchten, können sich an die Geschäftsführung der Expertenkommission wenden.
Kontaktdaten
Telefon: 089 233 47181
E-Mail: kommission@muenchen.de

Die Stadt informiert

„Die Stadt informiert" erscheint immer dienstags in der Süddeutschen Zeitung und im Münchner Merkur. Dieser Beitrag ist vom 16. August 2022.