stadt | bau | plan: 850 Jahre Stadtentwicklung München

Die Ausstellung von 2008 zeigt die räumliche Entwicklung der Stadt und die Veränderungen ihres baulichen Erscheinungsbilds. Sie ist momentan geschlossen.

Einführung

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LHM

Die Ausstellung von 2008 zeigt die räumliche Entwicklung der Stadt und die Veränderungen ihres baulichen Erscheinungsbildes ebenso wie die Menschen und historischen Ereignisse, die diese Veränderungen bewirkten. Sie verfolgt die seit der Gründung im Jahr 1158 bis heute im Stadtbild ablesbaren Spuren zu den wichtigsten Wegmarken, Umbrüchen und Neuerungen, die zur Besonderheit Münchens beitrugen. München hat sich wie nur wenige andere Städte viele urbane Qualitäten erhalten und verstand es, auch neue zu schaffen. Es verkörpert in besonderer Weise den Typus der europäischen Stadt, der trotz Auflösungserscheinungen noch in hohem Maße erhalten ist und zu einer starken Identifikation der Münchner mit ihrer Stadt geführt hat. Anhand historischer und aktueller Stadtkarten, Stadtansichten und Planungsdokumenten wird die Stadt "lesbar" gemacht. Medienstationen ermöglichen die Auseinandersetzung mit den Planungsprozessen und der Entwicklung der Stadt. Highlights der Ausstellung sind ein "gedrucktes" (maschinell hergestelltes) Stadtmodell der Münchner Innenstadt und eine audio-visuelle Einführung in die Stadtentwicklungsgeschichte - 850 Jahre in 15 Minuten!

Eine Ausstellung des Referats für Stadtplanung und Bauordnung in Kooperation mit dem Kulturreferat und dem Stadtarchiv im Rahmen der 850-Jahr-Feier der Landeshauptstadt München.

1158 bis 1800: Vom Marktflecken zur Residenzstadt

Wahrzeichen der Stadt: Das Münchner Kindl am Rathaus
LHM / Michael Nagy
Das Stadtwappen: Das Münchner Kindl am Rathaus

Die Stadtentwicklung Münchens verläuft in den ersten 600 Jahren in drei Schritten: Sie beginnt mit der Phase der Gründung bis zum Bau der ersten Stadtmauer. Es folgt eine Periode großzügiger Erweiterungen bis zum äußeren Mauerring und schließlich die Umstrukturierung durch den Ausbau zur Residenzstadt.

Marktverlegung im Streit

München entstand durch einen Konflikt zwischen Herzog Heinrich dem Löwen und Bischof Otto I. von Freising. Der Herzog machte dem Bischof den Markt am Isarübergang der Salzstraße in Föhring streitig. Weiter flussaufwärts an einer günstig gelegenen Stelle gründete er einen neuen Markt und lenkte die Salztransporte durch diesen Ort.

Kaiser Friedrich I. Barbarossa beendete den Konflikt 1158 durch den  "Augsburger Schied": Heinrich der Löwe erhielt das Recht, Zollbrücke, Markt und Münze am neuen Ort "bei den Mönchen" zu nutzen. Ein Drittel seiner Einnahmen musste er jedoch an den Bischof von Freising abgeben. Ungeklärt ist, wann Heinrich der Löwe die Brücke und den Markt des Bischofs in Föhring zerstörte, wie spätere Autoren berichten. Manches spricht dafür, dass dies nicht vor dem "Augsburger Schied", sondern zu einem späteren Zeitpunkt geschah. Der Name "München" geht vermutlich auf die Ortsangabe "bei den Mönchen" zurück. Siegel und Wappen der Stadt spielen auf diese Herkunft an.

Unter geistlichen und weltlichen Herren

1180 verlor Heinrich der Löwe seine Herzogtümer Sachsen und Bayern und wurde geächtet. Auf dem Hoftag in Regensburg nahm der Kaiser den Augsburger Schiedsspruch zurück und übertrug Markt- und Brückenrechte wieder dem Bischof von Freising. Neuer Herzog von Bayern wurde Pfalzgraf Otto I. von Wittelsbach, ein treuer Gefolgsmann des Kaisers.

Nach einem Eintrag in den Annalen des Klosters Schäftlarn soll München daraufhin im Jahr 1180 zerstört worden sein. Vermutlich blieb der Markt jedoch wegen seiner günstigen Lage bestehen oder wurde am gleichen Ort wieder aufgebaut.

Mehrere Jahrzehnte übten die Bischöfe von Freising die Herrschaftsrechte in München aus. Erst allmählich gelang es den Wittelsbachern, ihren Einfluss zu stärken. Im Jahr 1240 ging die Stadtherrschaft endgültig auf sie über. Im Gegenzug verzichteten sie an anderen Orten zu Gunsten Freisings auf ihre Rechte. Außerdem förderten sie schon früh die Ansiedlung von Klöstern in München.

Stadtentwicklung in drei Schritten

Das rasche Wachstum der Stadt erforderte bald weitere Befestigungsanlagen. Schon ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichteten Herzog Ludwig II. und sein Sohn, Kaiser Ludwig der Bayer, einen zweiten Mauerring, innerhalb dessen sich die Fläche Münchens auf das Sechsfache vergrößerte.

Im Modell von Jakob Sandtner aus dem Jahr 1570 sind drei Entwicklungsphasen der Stadt abzulesen:

  • Im Zentrum zeichnet sich der Umriss des Ortes zur Zeit Heinrichs des Löwen ab. Die Häuserzeilen folgen dem bogenförmigen Verlauf der ersten Mauer.
  • Als Ganzes belegt das Modell die planmäßige und großzügige Erweiterung im 13. und 14. Jahrhundert. An vielen Stellen bestehen noch Platzreserven für weitere Häuser. In einzelnen Großbauten deutet sich der Ausbau zur repräsentativen Residenzstadt an. Die Bauwerke wurden erst nachträglich in das kleinteilige Stadtmodell eingefügt.

Höfische und kirchliche Großprojekte

Zur Großansicht Vom 16. Jahrhundert an ist die Entwicklung Münchens zunehmend durch den Landesherren geprägt, der die Stadt zum Verwaltungszentrum des ganzen Landes machte. Die wichtige Rolle der bayerischen Wittelsbacher in der Gegenreformation führte zu einer zweiten Gründungswelle von Klöstern.

Innerhalb dreier Herrschergenerationen entstanden ausgedehnte Bauwerke des Hofes und der Kirche, denen zahlreiche kleinere Häuser weichen mussten: Herzog Wilhelm V. ließ das Jesuitenkolleg mit der St.-Michaelskirche und die Wilhelminische Feste, die spätere "Maxburg", errichten. Sein Sohn, Kurfürst Maximilian I., baute die Residenz zu eindrucksvoller Größe aus. Eine Generation später holten Kurfürst Ferdinand Maria und seine Gemahlin den Orden der Theatiner nach München.

Sie förderten den Bau des Klosters und der Theatinerkirche St. Cajetan. Zur Aktualisierung des Sandtner-Modells ließ Maximilian I. das Jesuitenkolleg mit St. Michael und die Residenz nachträglich in das Modell einfügen.

Barocker Befestigungsgürtel

Zur Großansicht Das größte Bauprojekt Maximilians I., an dem sich zeitweise bis zu 40.000 Menschen beteiligten, war der Ausbau der Stadtbefestigung.

Die Arbeiten begannen 1619 kurz nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges und zogen sich bis zu dessen Ende hin. Die Wallanlagen folgten dem Verlauf der mittelalterlichen Mauern. Nur der Hofgarten und die kurfürstlichen Zeughäuser reichten über die alten Grenzen hinaus und wurden in den neuen Verteidigungsgürtel einbezogen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bildete der Festungsring die Grenze des städtischen Wachstums.

Erst im Jahr 1795 erklärte Kurfürst Karl Theodor München zur offenen Stadt und ließ die Befestigungen beseitigen. Ein neues Kapitel der Münchner Stadtentwicklung begann.

Stadtherrschaft im Kräftespiel

Die Herrschaftsverhältnisse in München waren durch ein ständiges Wechselspiel zwischen Herzog, Kirche und Bürgerschaft bestimmt. Nach der Gründung des Ortes erhielt Heinrich der Löwe das Recht, Markt und Münze zu nutzen.

Als er 1180 geächtet wurde, gingen Markt- und Zollrecht auf den Bischof über. Erst nach und nach konnten die Wittelsbacher Herzöge in München ihre Position festigen, bis die Oberhoheit des Freisinger Bischofs 1240 endete.

Inzwischen hatten auch die Bürger an Bedeutung gewonnen. Die Herzöge und vor allem Kaiser Ludwig der Bayer gewährten der Stadt wichtige Rechte und Privilegien. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war das Leben in München vorwiegend durch das Bürgertum geprägt. Die Situation änderte sich grundlegend zur Zeit des Absolutismus. Vor allem Kurfürst Maximilian I. baute systematisch seine Macht aus. Der Stadtrat verlor seine Selbständigkeit; bedeutende Bürgerfamilien stiegen in den Adel auf und wurden in den Umkreis des Fürsten eingebunden. Die Zeit Münchens als Stadt der Bürger war vorüber.

Markt und Handel

Auf dem Marktplatz konzentrierte sich über Jahrhunderte das Leben der Stadt. Hier lag nicht nur das Zentrum des örtlichen und überörtlichen Handels; auch Turniere und andere Festlichkeiten fanden auf dem Marktplatz statt.

Bald entwickelten sich Spezialmärkte an anderen Plätzen. Auch der Lebensmittelmarkt wurde im 19. Jahrhundert vom Zentrum auf den "Viktualienmarkt" beim Heilig-Geist-Spital verlegt. Außer dem Salz-, Wein- und Tuchhandel war vor allem die "Getreideschranne" von Bedeutung. Als größter Getreidemarkt Bayerns wurde sie bis 1853 wöchentlich zweimal auf dem heutigen Marienplatz gehalten.

Bei St. Jakob am Anger fanden jährliche Märkte für den überörtlichen Handel und zur Volksbelustigung statt. Von diesen Jahrmärkten haben sich die Auer Dult und die Magdalenendult bis in unsere Zeit erhalten. Als internationaler Handelsplatz ist heute vor allem die Münchner Messe von Bedeutung.

Stadt am Wasser

Die Lage am Fluss spielte für die Entwicklung Münchens eine wichtige Rolle. Bis weit in das 19. Jahrhundert diente die Isar als Transportweg aus dem Süden nach München und von dort nach Wien und in die Donauländer.

Alle Waren mussten in München drei Tage zum Kauf angeboten werden, bevor sie weiter verfrachtet werden durften. Ihren Höhepunkt erreichte die Isarflößerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit jährlich bis zu 10.000 Anlandungen. Dann wurde sie durch andere Transportwege und den Bau von Wasserkraftwerken verdrängt.

Nicht weniger wichtig als der Fluss waren die Stadtbäche. Sie dienten zur Bewässerung des Stadtgrabens, als Transportweg, zum Tränken der Tiere, zum Waschen und Löschen, aber auch als Energiequelle.
Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten fast 150 Betriebe an den Münchner Stadtbächen. Heute sind die meisten Bäche überbaut oder zubetoniert. Nur an wenigen Stellen sind sie noch offen zu sehen.

Achsen in die Umgebung

Während es innerhalb des Festungsgürtels immer enger wurde, bauten Hof und Adel Schlösser und Landsitze im näheren Umkreis aus. Auch verschiedene Bürgergeschlechter, inzwischen in den Adelsstand erhoben, besaßen Hofmarken in der Nähe.

Besondere Akzente setzte Kurfürst Max II. Emanuel mit seinen Jagdschlössern Lustheim und Fürstenried, dem Neuen Schloss Schleißheim und dem Ausbau der Schlösser Dachau und Nymphenburg.

Sein nicht vollendetes Projekt, durch Kanäle und Alleen alle Schlösser miteinander zu verbinden, ist ein frühes Beispiel weiträumiger Planung. Es prägt bis heute die Straßenführung in München und der näheren Umgebung.

"Karlstadt" im Grünen

Um die ausgedehnte Nymphenburger Schlossanlage als Zentrum plante der Sohn Max Emanuels, Kurfürst Karl Albrecht, die Gründung einer neuen Stadt.

Ähnlich wie in Karlsruhe sollte das Schloss den Mittelpunkt dieser "Karlstadt" bilden. Das ehrgeizige Vorhaben kam nicht über die ersten Ansätze hinaus. Außer dem schon von Max Emanuel geplanten Schlossrondell und dem Stichkanal als Mittelachse der neuen Stadt wurden nur wenige Häuser gebaut.

Text: Freimut Scholz, 2008

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1800 bis 1860: Ein neues München

Königsplatz mit Glyptothek
Michael Nagy / LHM
Die Glyptothek am Königsplatz

Die Jahre um 1800 kommen einer Neugründung Münchens gleich: Die Auflassung des Festungsrings öffnet den Weg für eine bis heute fortdauernde Stadtentwicklung. Als Lebensraum für die wachsende Bevölkerung entstehen neue, moderne Vorstädte. Die kleinstädtische Residenz wandelt sich zur Hauptstadt eines modernen Territorialstaats.

Ausbruch aus den Festungsmauern

Am 2. Juni 1795 entschied Kurfürst Carl Theodor, dass München hinfort "keine Festung seie, seyn könne, noch seyn solle". Eine neue Epoche der Stadtentwicklung begann. München war seit der Gründung ein befestigter Ort. Die mittelalterlichen Stadtmauern und die barocken Festungswerke begrenzten die Stadt und schrieben ihren Grundriss für Jahrhunderte fest. Längst waren zu Ende des 18. Jahrhunderts die Verteidigungswerke dem Verfall preisgegeben. Moderner Kriegstechnik hielten sie nicht mehr stand. Dem geordneten Wachstum der Stadt jedoch waren sie ein starres Hindernis.
Erst mit der Entfestigung begann der Wandel zu einem allseits offenen, in die Landschaft gebreiteten Gebilde mit fließenden Grenzen zum Umland. An die Stelle statischer Beharrung traten dynamisches Wachstum und ständige Veränderung der Gestalt. Initiator der Maßnahme war Benjamin Thompson, der spätere Reichsgraf von Rumford, 1785 bis 1798 maßgeblicher Berater des Kurfürsten. Er tat den ersten Schritt zur Sprengung des Festungsgürtels, ein Werk, das bis zur Vollendung noch viele Jahre dauern sollte.

Torplätze für die offene Stadt

Schon 1791, noch vor Aufhebung der Festungseigenschaft Münchens, plante Reichsgraf von Rumford die Einebnung der Verteidigungswerke am Ort des heutigen Karlsplatzes. Der schmale, verwinkelte Torweg durch die Wallanlage war modernem Verkehr nicht mehr gewachsen. Durch Planierung der Torbastion sollte an ihrer Stelle eine großzügige Platzanlage entstehen und so der Weg in die Stadt weit geöffnet werden. Zugleich sollten zu beiden Seiten die Wälle niedergelegt werden, um Bauland für eine erste Stadterweiterung zu gewinnen. Die Planung übertrug Rumford Franz Thurn, einem Architekten des Münchner Hofbauamts. Nach seinem Entwurf entstand bis 1794 die neue Platzanlage mit dem rahmenden Rondell und den geradlinigen Flügeln vom heutigen Lenbachplatz bis an die Herzogspitalstraße.

Englischer Garten mit Monopteros

Im Jahr 1789 leitete die Anlage des Englischen Gartens eine neue Ära der Münchner Stadtentwicklung ein. Die Erschließung des Burgfriedens als Lebensraum für die Münchner Bürgerschaft nahm hier ihren Anfang.

Zu dieser Zeit war die Stadt noch auf ihrem mittelalterlichen Grundriss von den Verteidigungswerken eng eingeschlossen. Ihren militärische Nutzen hatten sie verloren, der Stadterweiterung standen sie im Wege. Noch bevor ihre Niederlegung begonnen war, übersprangen die kurfürstlichen Planer mit der Gestaltung des Englischen Gartens die Grenzen der geschlossenen Stadt.

Als erste große öffentliche Grünanlage in München, die als Volksgarten allen Bürgern geöffnet war, blieb er bis heute Vorbild für die Erholungsgebiete der Stadt. Der Park an der Ruhmeshalle, die Maximiliansanlagen an der Isar, der Luitpoldpark und die großen Grünanlagen der jüngeren Zeit berufen sich auf dieses Vorbild: Das Olympiagelände, West- und Ostpark und die derzeit noch im Entstehen begriffene Anlage in der Messestadt Riem.

Königliche Hauptstadt

Aus den Napoleonischen Kriegen ging Bayern durch den Zugewinn neuer Provinzen und durch die Erhebung zum Königreich (1806) als großer deutscher Mittelstaat hervor. Durch Zentralisierung der Staatsverwaltung in München wuchsen der Landeshauptstadt neue Einwohner und neue Funktionen zu. Ihre städtebauliche Gestaltung gewann für das ganze Land repräsentative Bedeutung. Daher war mehr als ein halbes Jahrhundert die Stadtplanung unter den ersten Königen Bayerns auf mehrere Hauptaufgaben ausgerichtet: die Entgrenzung der Altstadt durch Neugestaltung des Festungsgeländes, die Erschließung neuer Siedlungsgebiete für die Stadterweiterung, die städtebauliche Aufwertung der Residenz.

Durch die weiträumige Anlage von Freiflächen in ihrem Vorfeld sollte die Residenz aus ihrer beengten Lage in der Altstadt befreit werden. Große Magistralen zu den Erweiterungsgebieten sind auf die neuen Platzanlagen ausgerichtet und zeichnen damit die Residenz gegenüber dem bürgerlichen Marienplatz als Mittelpunkt der königlichen Hauptstadt aus.

Ein würdiger Platz für die Residenz

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die Münchner Residenz nach Süden durch ein großes Kloster eng umbaut. Im Blick von der Altstadt trat sie kaum in Erscheinung. Erst 1803 schuf die Säkularisation Gelegenheit, sie aus dieser Lage zu befreien. Das Kloster wurde zu einer großen freien Fläche eingeebnet, die zunächst noch ohne jede Fassung blieb.

Mit der Erhebung Bayerns zum Königreich (1806) reiften die Pläne zur Gestaltung eines Residenzplatzes, der die neu erworbene Würde zum Ausdruck bringen sollte. Der Platz erhielt durch die Neubauprojekte dreier Könige seine endgültige Gestalt: das Nationaltheater, den Königsbau und die Kolonnade im Süden. Zentrum und Fokus der Anlage bildet ein Denkmal für den ersten bayerischen König, Max I. Joseph. Ihren Abschluss fand die städtebauliche Neubewertung der Residenz durch die Vollendung der Maximilianstraße 1874. Sie verbindet das Herz des königlichen Münchens mit dem jenseitigen Hochufer der Isar, wo sich gleichsam wie eine Krone als Endpunkt der Perspektive das Maximilianeum erhebt.

Planungen für den Odeonsplatz

Gleich dem Max-Joseph-Platz im Süden sollte auch das Vorfeld der Residenz im Norden durch einen repräsentativen Vorplatz aufgewertet werden. 1811 entwickelte Friedrich Ludwig von Sckell einen ersten Entwurf. Am Ort des heutigen Odeonsplatzes plante er eine nach Norden gestreckte Anlage. Das Projekt scheiterte jedoch an den Kosten des erforderlichen Grunderwerbs. Sckell musste es umplanen und bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln. Gleichzeitig begann auch Klenze mit Planungen für dasselbe Gebiet. Durch Ankauf der Grundstücke aus Privatmitteln des Kronprinzen Ludwig (I.) erhielt er freie Hand für seine Arbeit. Wesentliche Anregungen übernahm er von Sckell. Doch sein Projekt bildete eine in sich geschlossene Bauanlage, durch Tore gegen die Seitenstraßen weitgehend verschlossen. Auch dieser Entwurf erfuhr noch einschneidende Modifikationen. Das endgültige Projekt war durch Aufgliederung in Baublöcke dem offenen System der nahen Maxvorstadt angeglichen. Geradlinig zielt eine Straße nach Norden: Ansatz der zukünftigen Ludwigstraße.

Die Ludwigstraße

Durch die Anlage einer Straßenachse nach Norden als Rückgrat einer neuen Vorstadt verschob sich das städtebauliche Schwergewicht Münchens aus dem ursprünglichen Zentrum zur königlichen Residenz. Ludwig I. beauftragte schon als Kronprinz Leo von Klenze mit der Planung, dessen Konzept nach dem Vorbild der Metropolen Rom, Florenz und Paris geschlossene Häuserzeilen und Baublöcke als Platzwände vorsah.

Klenze plante in der südlichen Ludwigstraße zunächst eine Bebauung mit individuell gestalteten Wohnhäusern nach dem Muster der Altstadt. Mit zunehmender Ausdehnung der neuen Straßenachse entstanden jedoch Großbauten für öffentliche oder halböffentliche Institutionen, die von Klenzes Rivalen und Nachfolger Friedrich Gärtner entworfen wurden. Mit der Feldherrnhalle und dem Siegestor brachte Gärtner die Straße an beiden Enden zum Abschluss.

Finanzen für die königliche Magistrale

Für den Bau des Odeonsplatzes und der Ludwigstraße musste neben den Wehranlagen auch eine größere Anzahl privater Grundstücke erworben werden. Die gerade erst gebauten Gartenanwesen der Schönfeldvorstadt entlang der alten Schwabinger Landstraße fielen ausnahmslos der neuen Straßenanlage zum Opfer. Ludwig I. kaufte noch als Kronprinz durch Klenze als Mittelsmann Grundstücke auf. Er verkaufte sie dann an Bauherren zurück, die sich in der Nachbarschaft der Residenz ansiedeln wollten. Dieses Bebauungsmodell - eine frühe Form von kapitalistischer Stadtentwicklung - geriet an seine Grenzen, als die Dimensionen des Vorhabens wuchsen. Öffentliche und halböffentliche Institutionen wurden nun auf Druck des Königs gezwungen, mit Großbauten die langen Straßenfluchten zu füllen. Den Grunderwerb für die Straße musste trotz leerer Kassen die Kommune auf ihre Kosten bewerkstelligen. Ebenso zwang Ludwig die Stadtgemeinde, den Bau der Ludwigskirche zu finanzieren, wofür sie sich hoch verschulden musste.

Sprung über die Isar: Die Maximilianstraße

Die Maximilianstraße wurde zwischen 1851 und 1874 angelegt. Das städtebaulich bedeutsame Projekt erfüllte mehrere Aufgaben. Die großzügige Prachtstraße mit dem Maximilianeum als krönendem Abschluss schlug die Brücke über die Isar und erschloss gleichzeitig das bisher vernachlässigte Lehel in der Flussniederung. Zusätzlichen Gewinn für die Stadtentwicklung brachte die parkartige Ausgestaltung des jenseitigen Steilufers.

König Maximilian II. zielte mit diesem Projekt zugleich auf die "Erfindung" eines neuen Stils, der die besten Elemente historischer Vorbilder mit moderner Bautechnik verbinden sollte. Planung und Bau der Straße sowie den Entwurf von Musterfassaden übertrug er dem Münchner Architekten Friedrich Bürklein. Auch die öffentlichen Großbauten am forumartigen Mittelteil und das Maximilianeum sind Bürkleins Werk.

Maxvorstadt (Plantisch)

Die Gründung der Maxvorstadt war Auftakt für die geordnete Besiedlung des Burgfriedens. Den Anstoß gab Friedrich Ludwig von Sckell, der Schöpfer des Englischen Gartens. Auf seine Anregung lud die Münchner Baukommission eine Anzahl Münchner Architekten, Militäringenieure und Geometer zur Planung der neuen Vorstadt ein.

Aus insgesamt 17 Entwürfen entwickelte die Baukommission den Ausführungsplan: Einen weitmaschig gespannten Straßenraster, mit der heutigen Brienner Straße als Hauptachse. Gleichzeitig wurde durch Bauvorschriften der Gartenstadtcharakter der Neuplanung festgelegt.

Die Bautätigkeit begann 1809 um den Karolinenplatz und an der Brienner Straße: Freistehende Solitärbauten, entworfen durch Carl von Fischer und eingebettet in weitläufige, wohl meist von Sckell gestaltete Gärten. Die Kooperation zwischen Architekt und Landschaftsplaner erwies sich als Idealfall einer künstlerischen Arbeitsgemeinschaft. Ihr entsprang im Kernbereich der Maxvorstadt ein städtebauliches Kunstwerk von hohem Rang, das heute freilich kaum noch zu erahnen ist.

Die Stadt neu entwerfen: Der Generalplan

1810 erhielt Friedrich Ludwig von Sckell vom König den Auftrag zur Ausarbeitung eines Generalplans für München. Er sollte Altstadt und Burgfrieden als Gesamtprojekt umfassen.

In mehreren Abhandlungen entwickelte Sckell die Grundsätze der Planung: Sanierung der Altstadt und die städtebauliche Erschließung des Burgfriedens für die Stadterweiterung sowie die Umgestaltung des Festungsgeländes zu einer offenen Übergangszone zwischen der Altstadt und den neuen Stadtteilen. Bis 1818 arbeitete die Baukommission unter seiner Leitung die Teilpläne des Gesamtwerks aus. Dann verschwand es in den Akten: Die Stadtplanung unter Ludwig I. beschränkte sich weitgehend auf Königsplatz und Ludwigstraße.

Sckell selber entwarf 1811 und 1812 die zwei Teilpläne für das Festungsgelände im Westen der Altstadt zwischen Hofgarten und Sendlinger Tor. Nur diese beiden Projekte wurden in den folgenden Jahren realisiert: Die Sonnenstraße als Alleegürtel mit "Land-Häusern" in offener Bauweise an der Grenze zur Altstadt, der geebnete Maximiliansplatz als Freiraum für Märkte und Dulten. Im Westen, entlang der heutigen Ottostraße, bildeten Baumpflanzungen als Grüngürtel den Übergang zur Maxvorstadt.

Ein Spazierweg um die Stadt

Schon als Kronprinz, seit etwa 1830, hielt der spätere König Maximilian II. Gedanken zur Stadtplanung in München fest. Ein großes, lange verfolgtes Projekt war der Plan zu einem Grünzug um die gesamte Stadt.

Den ersten Entwurf entwickelte der königlich preußische Gartendirektor Peter Joseph Lenné aus Berlin. 1839 lag die Arbeit vor. Sie ist verschollen. Doch blieben zwei Planvarianten, die Maximilian Jahre später den Architekten Zenetti und Bürklein in Auftrag gab.
In weitem Bogen zieht sich der Grünzug um das zum Teil noch unbesiedelte Stadtgebiet, auf weiten Strecken nur als begrünte Promenade mit Verzweigungen bis in die Vorstadtbezirke, in anderen Abschnitten mit Ausweitungen zu kleinen Parkanlagen.

Zweckbauten der Maximilianszeit

Seit etwa 1850 gewannen große Zweckbauten in Glas-Eisen-Konstruktion im öffentlichen Raum eine Präsenz, wie sie zuvor allein repräsentativen Bauten traditioneller Art vorbehalten war. Neue Fabrikationsmethoden, neue Konstruktionsweisen und das Bauen mit den Materialien Eisen und Glas faszinierten die Architekten und Ingenieure und nicht zuletzt den König als Auftraggeber.
In industrieller Produktion wurden genormte Bauteile vorgefertigt und auf der Baustelle in gleichfalls serienmäßiger Montage in kürzester Frist zusammengesetzt.

München, Stadt der Könige

Das neue München hatte als Landeshauptstadt und Verwaltungszentrale wichtige Funktionen zu erfüllen. Doch Stadtplanung unter den Königen war mehr als der Entwurf neuer Stadtteile und die Erfüllung funktioneller Bedürfnisse. Es ging auch darum, das Bild der Stadt als Sitz des Herrschers und Hauptstadt der Künste zu gestalten.

Drei Könige waren zwischen 1806 und 1864 als Bauherren und Förderer an der Gestaltung des Stadtbilds beteiligt. Höhepunkt war die Zeit Ludwigs I. Mit seinen Architekten prägte er bis heute das Bild des königlichen Münchens durch eine hoch gestimmte Architektur, die den Regeln eines aus der Historie geschöpften Stilideals folgt. Mehr als andere Architekten trug Klenze zum Entwurf des Stadtbilds bei. Andere Architekten, Gärtner und Ziebland, folgten selbst noch in "feindlicher Übernahme" einzelner seiner Projekte den von ihm vorgegebenen Grundlinien der Planung. Ein herausragendes Beispiel für Klenzes Beitrag zur Verwirklichung des königlichen Stadtkonzepts Ludwigs I. sind die Propyläen.

Texte: Hans Lehmbruch, 2008

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1860 bis 1918: Aufbruch zur Großstadt

Gärtnerplatz nach Plänen von Max Kolb (1860)
Michael Nagy / LHM
Der Gärtnerplatz nach Plänen von Max Kolb (1860)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wächst München zur Großstadt heran. Die Zahl der Einwohner verfünffacht sich. Eingemeindungen vergrößern das Stadtgebiet. Eine verspätete Industrialisierung setzt ein. Neue Stadtteile entstehen durch private Unternehmer.

Nach einem großen Wettbewerb wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gesamtstädtischer Entwicklungsplan verabschiedet.

Wegbereiter der Industrialisierung

König Ludwig I. und mehr noch sein Sohn Maximilian II. förderten die Wissenschaften und holten gezielt Forscher und Erfinder in die bayerische Hauptstadt. Die Verlegung der Universität von Landshut nach München 1826 durch Ludwig I. und die Gründung der Technischen Universität 1868 durch Ludwig II. sind Wegmarken dieser Politik. Die Stadt erhielt dadurch einen wichtigen Standortvorteil für die Entwicklung ihrer Industrie, mit dem sie ihre Abgelegenheit von Rohstoffen und Transportwegen ausgleichen konnte. Damals nahm Münchens Tradition als Zentrum für die Forschung und die angewandten Wissenschaften ihren Anfang. Forschungs- und Entwicklungsabteilungen großer Unternehmen kennzeichnen noch heute die Wirtschaftsstruktur der Stadt.

Gewerbe und Wohnen auf engstem Raum

Viele kleine Industriebetriebe entstanden ungeplant in der Innenstadt, im Westend oder in Haidhausen auf engstem Raum neben Wohngebäuden, in "Gemengelage". Weil diese Betriebe Kohle zur Energiegewinnung nutzten, gab es schon bald Klagen über die "Rauchplage" in diesen Stadtvierteln.
Um 1900 versuchte die Stadtplanung durch die Ausweisung spezieller Industriegebiete eine Entschärfung des Konfliktes. Die Staffelbauordnung von 1904 sah drei große Industriegebiete in Schwabing, am Ostbahnhof (heute Kunstpark Ost) und in Sendling vor (heute z.T. Siemens).

Vom Wasser zur Bahn

Viele Gewerbebetriebe hatten von jeher ihren Standort an den von der Isar abgeleiteten Bächen und Kanälen. Mühlen und Schmieden nutzten die Energie des Wassers, Gerbereien und Textilbetriebe benötigten große Wassermengen im Produktionsprozess. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten an den Münchner Stadtbächen fast 150 verschiedene Betriebe. Nach der Erschließung des Stadtraums durch die Eisenbahn zogen Industriebetriebe an Standorte mit Bahnanschluss - zunächst an den Ostbahnhof und nach Sendling, später nach Moosach, Milbertshofen und Schwabing. Dort konnten sie nicht nur Kohle für die neuen Dampfkraftanlagen günstig beziehen, sondern auch Rohstoffe und Halbfabrikate. Der Transport der fertigen Produkte über das neue Verkehrssystem eröffnete neue Märkte. Die Stadtplanung konnte diese Entwicklungen zunächst kaum steuern. Erst der Staffelbauplan von 1904 wies Industriegebiete an den Bahntrassen aus.

Wohnungsnot, Teilwohnungen und Schlafgänger

Zwischen 1885 und 1905 verdoppelte sich die Bevölkerung Münchens. In kurzer Zeit entstanden die Gründerzeitviertel rings um die Innenstadt mit den noch heute beliebten großen Wohnungen. Doch damals waren sie am Markt vorbei gebaut, denn es fehlten vor allem kleine preiswerte Wohnungen.
Um den drohenden Leerstand zu vermeiden, wurde es üblich, große Wohnungen an mehrere Familien zu vermieten, die sich dann Küche und WC teilen mussten. 1904 lebte ein Viertel aller Münchner Haushalte in sogenannten Teilwohnungen. Die Miete war dennoch hoch, und es wurden oft nur Schlafplätze an sogenannte Schlafgänger untervermietet. Besonders schwer hatten es kinderreiche Familien. Viele Kinder teilten das Bett mit ihren Geschwistern, den Eltern oder Untermietern.

Mit Unterstützung des Bürgermeisters wurde 1899 der "Verein für Verbesserung der Wohnungsverhältnisse e.V." gegründet. Es entstanden erste Siedlungen, u.a. in Sendling. Die beginnende städtische Förderung des Kleinwohnungsbaus stützte sich damals ausschließlich auf Genossenschaften und Bauvereine.

Der Wettbewerb mit Zukunftsperspektive

1892 schrieb die Stadt München einen Stadterweiterungswettbewerb aus, der Ideen für die zukünftige Entwicklung zur Großstadt erbringen sollte. Sie folgte damit einer Anregung des Bauunternehmers Heilmann, der die Notwendigkeit einer vorausschauenden und umfassenden Stadtentwicklungsplanung öffentlich thematisierte. Von den fünf prämierten Entwürfen wirkten sich die künstlerischen und bausystematischen Ideen C. Henricis und G. Hauberrissers am deutlichsten auf die unter Theodor Fischer einsetzende Stadtplanung aus. Sie fanden ihren Niederschlag im Staffelbauplan Theodor Fischers von 1904, der bis 1980 Gültigkeit besaß und heute indirekt in den bebauten Gebieten fortwirkt. Dem Plan liegt die städtebauliche Idee einer abgestuften, sich nach außen hin abflachenden und auflockernden Stadt zugrunde.

Stadtentwicklung durch private Unternehmer

Die wachsende Wohnungsnot in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der sich abzeichnende Eisenbahnbau riefen den Großgrundbesitzer Carl von Eichthal auf den Plan. Auf seinen ausgedehnten Ländereien an der Isar und nördlich der Rosenheimer Straße veranlasste er die Errichtung zweier neuer Stadtquartiere: das Gärtnerplatzviertel und das Franzosenviertel in Haidhausen. Die damals übliche vier- bis fünfgeschossige Blockbebauung versprach eine gute Rendite. Die von der Stadt geforderten Straßenbaukosten schlugen dabei nicht besonders zu Buche.

Ein Villenquartier zur Zier der Theresienwiese

Schon in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bekundeten Grundeigentümer ihr Interesse an einer Bebauung der Theresienwiese. Diese erstreckte sich damals noch vom Allgemeinen Krankenhaus vor dem Sendlinger Tor bis zur Theresienhöhe. Der Münchner Magistrat hingegen wollte aus stadthygienischen Gründen einen Stadtpark anlegen und erwarb zu diesem Zweck private Wiesengrundstücke.

1877 trat der Ingenieur und Bauunternehmer Jakob Heilmann mit dem Plan an die Öffentlichkeit, den Park mit einem Villenviertel zu verbinden. Damit sollten finanzkräftige Unternehmer nach München gelockt werden. Erstmals gelang hier, zwischen öffentlichen und privaten Interessen einen Ausgleich herzustellen.

Stadtentwicklung in Zeiten der bürgerlichen Emanzipation

In der Zeit von 1860 bis 1890 wächst die Stadt nur stückweise. Im Osten und Süden werden neue Quartiere an den bestehenden Stadtkörper angegliedert. Die Anstöße hierzu kommen von privaten Unternehmern, die Stadtentwicklung als Geschäft betrachten und die Voraussetzungen hierfür in der enormen Bevölkerungszunahme Münchens erkennen.

Unkoordiniertes Wachstum und Forderungen der Geschäftswelt drängen die Stadt, eine vorausschauende und umfassende Planung in Angriff zu nehmen. Planungstheorien, die im letzten Viertel des 19. Jh. entwickelt werden, bestärken sie darin. Der planerische Zugriff auf das Weichbild der Stadt wird durch Eingemeindungen großen Stils angestrebt. Dies führt allein zwischen 1860 und 1918 zu einer Verdreifachung der Münchner Gemeindefläche.

Der Weg zur kommunalen Selbstverwaltung

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stand München unter der Vormundschaft des Staates. Der König plante und die Gemeinde hatte, wie beim Bau der Ludwigstraße, die Kosten zu tragen. Erst unter Maximilian II. erfuhr die Stadt allmählich eine Stärkung ihrer gemeindlichen Autonomie. Es dauerte jedoch noch fast ein Vierteljahrhundert, bis München 1869 mit der Revision des Gemeindeedikts von 1818 mehr Selbstverwaltungsrechte zugestanden wurden. Anstelle früherer Gängelung trat nun ein staatliches Aufsichtsrecht, das in gewisser Form auch heute noch besteht. Der gewonnene Handlungsspielraum bedeutete auch mehr Verantwortung für ständig neue kommunale Aufgaben, wie den Schulbau und den Bau von öffentlichen Versorgungseinrichtungen, die nun von der Stadt übernommen werden mussten.

Schneller, weiter, größer - Eisenbahn und Tram

Die neuen Verkehrstechnologien Eisenbahn und Straßenbahn revolutionieren und beschleunigen die Stadtentwicklung. Der Bau der Eisenbahnlinie von München nach Augsburg 1840 markiert den Beginn dieser Entwicklung, die das Bild Münchens nachhaltig veränderte.

Die Eisenbahn verband das bisher abseits der großen Verkehrswege liegende München mit den Rohstoffquellen und Märkten Mitteleuropas.
Sie war Voraussetzung und Motor für die Industrialisierung im landwirtschaftlich geprägten Flächenstaat Bayern. Seine Hauptstadt München wurde zu einem Zentrum des europäischen Warenumschlags und zum Verkehrsknoten in Süddeutschland. Rangierbahnhöfe, Betriebs- und Reparaturwerke mit dazugehörigen Wohnsiedlungen machten München vorübergehend zur "Eisenbahnerstadt".

Die Straßenbahn erweitert als schnelles und billiges Transportmittel den Aktionsradius der Stadtbewohner sprunghaft. Die kompakte Stadt löst sich auf und wächst in die Fläche.

Münchner Bier in alle Welt

Das Bierbrauen hat zwar seit dem 14. Jahrhundert eine lange Tradition, doch berühmt wurde das Münchner Bier erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch hier wirkte die Eisenbahn als entscheidender Katalysator und öffnete den Brauern den Zugang zu den Märkten in Deutschland, in Europa und in Übersee. Außerdem profitierten die Brauereien von der Erfindung des Münchner Forscher-Unternehmers Carl von Linde, der mit seinen künstlichen Kältemaschinen das Bierbrauen revolutionierte und die Industrialisierung des Brauwesens beförderte. Zur selben Zeit begann der große Auszug der Brauereien aus den beengten Verhältnissen der Altstadt. Sie verlegten ihre Betriebe zu den Lagerkellern, die sie seit 1724 an der Isarhangkante im Osten und Westen der Stadt angelegt hatten. Die für die Lagerkeller erworbenen Areale boten nun genügend Platz für den Bau moderner Produktionsanlagen. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts konnten die Brauereien an ihren Standorten in der Au, in Haidhausen, im Westend und der Maxvorstadt expandieren und ihren Betrieb an neue Anforderungen anpassen.

Qualität und Vielfalt

Abgelegen von Rohstoffen und Transportwegen war München ein "industrieller Spätentwickler". Begünstigt durch die Kunst- und Wissenschaftsförderung der bayerischen Könige entstanden Qualitätsindustrien, die neue Technologien und Erfindungen verwerteten. Vorherrschend waren kleine und mittelgroße Betriebe, die sich nicht allzu störend in das Stadtbild einfügten. Erst Eisenbahn (1839) und Elektrizität (1888) schufen die Bedingungen für die Entwicklung einer Großindustrie. Die Vielfalt der Betriebe und Branchen verhinderte, dass einzelne Industrien die Stadt dominierten. In der Zeit des Ersten Weltkriegs und nach 1945 erlebte München verspätet zwei Industrialisierungsschübe, in denen die beiden noch heute prägenden Firmen BMW und Siemens groß wurden.

Während die Tradition der wissenschaftsorientierten Industrie des 19. Jahrhunderts in der Hightech-Metropole des ausgehenden 20. Jahrhunderts weiterlebt, wird die große und kleine Industrie im Stadtbild heute kaum wahrgenommen. Nur Eingeweihte wissen, dass München die größte Industriestadt der Republik ist.

Stadthygiene und Kanalisation

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts beseitigten die Einwohner Münchens das Abwasser über Versitzgruben oder direkt in die Vielzahl der Stadtbäche. Bakterien und Krankheitserreger gelangten in den Untergrund und das Grundwasser. Das aus Brunnen gewonnene Trinkwasser war verseucht. Massenerkrankungen und hohe Typhussterblichkeit waren die Folge. Ab 1820 begannen erste Projekte zur Kanalisierung, jedoch ohne System und mit erheblichen Mängeln. 1836 und 1854 gab es schwere Cholera-Epidemien in München.

Der Universitätslehrer Max von Pettenkofer erkannte den Zusammenhang zwischen den Cholera-Epidemien und der Grundwasserverseuchung. Konsequent trat er für die Schaffung einer systematischen Kanalisation und die Errichtung von Quellwasserleitungen ein. 1874 wurde der englische Ingenieur J. Gordon mit einem "allgemeinen Projekt für die Canalisation der Stadt München" beauftragt. Er nutzte geschickt das nach Norden hin abfallende Geländeprofil und ermöglichte damit eine Entwässerung auf natürliche Weise.

Text: Gerhard Gross und Heinz Selig, 2008

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1918 bis 1945: Von Krieg zu Krieg

Kriegszerstörung am Mariahilfplatz (Aufnahme von 1946)
LHM
Kriegszerstörung am Mariahilfplatz (Aufnahme von 1946)

Die Modernisierungsoffensive der zwanziger Jahre im Wohnungsbau endet mit der Weltwirtschaftskrise. Die Nationalsozialisten übernehmen das Krisenmodell der Kleinsiedlung und nutzen es zur "Gleichschaltung "der Siedler. Ihr Hauptinteresse aber gilt dem Umbau Münchens zur monumentalen "Hauptstadt der Bewegung". Die Realisierung scheitert am Krieg.

Der Erste Weltkrieg und die Folgen

In München fanden Angriffe auf das Weimarer System besonders starke Resonanz, nachdem Revolution und Räterepublik tiefe Ängste im Bürgertum hinterlassen hatten. Als starker Mann präsentierte sich Gustav von Kahr (1920 bayerischer Ministerpräsident, 1923 Generalstaatskommissar). Die von ihm proklamierte "Ordnungszelle Bayern" war ein Magnet für das völkisch-rechte Lager. Dazu gehörte die Deutsche Arbeiterpartei (DAP, seit 1920 NSDAP). In ihr fand Hitler seine Plattform und das Instrument gewaltsamer Machteroberung.

Revolution im Wohnungswesen

Nach dem Ende der Monarchien erhielten nicht nur Reich und Länder eine neue politische Ordnung, sondern auch die Gemeinden. Die Stadtverwaltung nutzte das im Krieg geschaffene und danach erweiterte Instrument der Wohnungszwangswirtschaft im Vergleich zu anderen Städten weitgehend aus. Von 1918 bis 1921 ordneten die Behörden in München 12.000 Einquartierungen in Privatwohnungen an. Damit sollten die fehlenden Bauleistungen der Kriegs- und Inflationszeit ausgeglichen werden. Nach Kriegsende war der Wohnungsbedarf durch nachgeholte Eheschließungen sehr hoch.

Reichskleinsiedlung

Die Regierung des Reichskanzlers Brüning legte 1931 das Kleinsiedlungsprogramm auf, um "die Sesshaftmachung der Bevölkerung auf dem Lande zu fördern, um die Erwerbslosigkeit zu vermindern und Erwerbslosen den Lebensunterhalt zu erleichtern." Die künftigen Siedler sollten mit der Errichtung ihres eigenen Heimes beschäftigt werden und durch Gartenbau und Kleintierhaltung ihre Versorgung in der Wirtschaftskrise verbessern.

Die Nationalsozialisten übernahmen das Modell, weil es in ihre antimoderne und großstadtfeindliche Ideologie passte. In München entstanden 1932 die Siedlungen Freimann, Am Perlacher Forst und Zamdorfer Straße, 1933 bis 1937 die Siedlungen Am Hart, Neuherberg und Kaltherberg. Seit Mitte der dreißiger Jahre wandte sich die Wohnungspolitik wieder verstärkt dem Geschossbau zu, der sich rationeller und billiger bewerkstelligen ließ.

Die Mustersiedlung Ramersdorf

In Ramersdorf entstand 1934 eine Anlage, die nicht der typischen NS-Kleinsiedlung entsprach. Als "Mustersiedlung" sollte sie im Rahmen der "Deutschen Siedlungsausstellung" geeignete Wohnformen für den Mittelstand präsentieren. Die Initiative ging von dem städtischen Wohnungsreferenten Guido Harbers aus, der Nationalsozialist, aber auch begeisterter Architekt war. Ausgerechnet von einem Paradestück der Neuen Sachlichkeit, der Stuttgarter Weißenhofsiedlung von 1927, hatte er sich zu der Idee einer gebauten Siedlungsausstellung anregen lassen. Etliche NS-Politiker lehnten die "Mustersiedlung" gerade deswegen ab.

Die nationalsozialistische Siedlungsideologie

Nach der "Machtergreifung" wurde auch das Siedlungswesen im Sinne nationalsozialistischer Ideologie ausgerichtet und zu einem Instrument der Bevölkerungspolitik gemacht. Als Siedlungsanwärter wurden nur noch "Volksgenossen" zugelassen, die "deutsche Reichsangehörige, deutschen oder artverwandten Blutes, politisch zuverlässig, rassisch einwandfrei, gesund und erbgesund sind." Die Siedlerstellen sollten nicht lediglich Wohnstätten sein, sondern die Siedlerfamilien an den NS-Staat binden und ihm hohe Nachwuchsquoten sichern.

Wohnungspolitik und "Endlösung"

Im Verteilungskampf um den zu knappen Wohnraum geriet die jüdische Bevölkerung ins Visier. Ihr stand nach NS-Ideologie kein Recht auf menschenwürdige Wohnungen zu. Nachdem man die Juden bereits um ihren Platz in Wirtschaft und Gesellschaft gebracht hatte, sollten sie seit der "Reichskristallnacht" vom November 1938 auch ihre Wohnungen für "Volksgenossen" räumen.

Nach einer Phase der "wilden Arisierungen" folgte im April 1939 die gesetzliche Grundlage für die Entmietung der Juden. In Pflegeanstalten, Stiften und "Judenhäusern" rückten die Gekündigten gezwungenermaßen auf engstem Raum zusammen. 1941 mussten die Münchner Juden zudem ihr eigenes Ghetto errichten, die "Judensiedlung Milbertshofen". Die NS-Schergen nutzten das Lager als Sammelstelle für den Transport in den Tod. Von Milbertshofen aus rollten die Deportationszüge in den Osten. Die rund 1.800 Wohnungen, die die Juden in München räumen mussten, wurden an "Abrissmieter", Fürsorgefälle und besonders "verdiente Volksgenossen" vergeben.

Das Ende der "Hauptstadt der Bewegung"

Der Luftkrieg war die neuartige Dimension des Zweiten Weltkriegs. Die strategischen Bombardierungen begannen mit deutschen Angriffen auf die Städte Warschau, Rotterdam und London.

München traf der erste schwere Angriff der Royal Air Force im September 1942. Bei 30 Großangriffen bis zum April 1945 verloren 6.500 Menschen ihr Leben, 300.000 wurden obdachlos, rund 60 Prozent der Münchner Altstadt lagen danach in Trümmern. Die zahlreichen Evakuierungen entvölkerten die Stadt. Die Zurückgebliebenen erlebten den Verlust von Angehörigen, die Zerstörung ihrer Arbeitsplätze und Wohnungen, den Untergang von Kulturgut, die Angst bei Sirenengeheul.

Wenn sie nach den schweren Angriffen von 1944 aus den Luftschutzkellern kamen, bot sich den Münchnern ein Bild des Grauens: Tote und Verletzte, unzählige Trümmer, schwelende Brände und Rauchschwaden.

Sozialer Wohnungsbau der zwanziger Jahre

Nach 1924 blühten die Baugenossenschaften und Wohnungsgesellschaften mit Hilfe der von den Hausbesitzern erhobenen Hauszinssteuer auf. In München engagierte sich auch die Stadt politisch und finanziell bei Bauprogrammen. Gemeinnützige Gesellschaften führten die großen Anlagen in Zeilenbauweise aus, die zum Markenzeichen des sozialen Wohnungsbaus in der Republik wurden. Auf der anderen Seite setzte die Stadt nur verhaltene Zeichen was das "Neue Bauen" anging (z.B. Vorhoelzers Postbauten, Ledigenheim Bergmannstraße). Ein Experimentierfeld der Moderne - wie Berlin oder Frankfurt - wurde München nicht.

Aufrüstung und Lager

Der Erste Weltkrieg gab einen starken Impuls zum Ausbau des Industriestandortes München. Er begünstigte den Aufschwung von Rüstungsbetrieben, die allerdings nach dem Krieg zum Teil schnell wieder verschwanden. Vor allem für den Münchner Norden wirkte der Industrialisierungsschub aber nachhaltiger. Dafür stehen u. a. die Anfänge des späteren BMW-Konzerns mit dem Bau von Flugmotoren in Moosach.
In der Staatskonjunktur der Nationalsozialisten kam es zu einem weiteren Industrialisierungsschub. Viele Betriebe stellten lange vor dem Krieg auf Rüstungsproduktion um. BMW baute Flugmotoren und Motorräder für Heereszwecke, die Süddeutschen Bremsenwerke fertigten Geschützrohre und Gewehrläufe, Krauss-Maffei stellte Panzer her.

Während des Krieges ließ sich die Produktion nur noch mit ausländischen Zwangsarbeitern aufrechterhalten, die aus den von Deutschland besetzten Gebieten verschleppt wurden. Zeitweise lebten 80.000 "Fremdarbeiter" unter unwürdigen Wohn- und Arbeitsbedingungen in München. Ein Netz von Lagern überzog die Stadt.

Stadtplanung und Stadtentwicklung 1938 bis 1945

Der Gauleiter und bayerische Innenminister Adolf Wagner entwickelte 1937 weitreichende Pläne, die Stadt zu einem "Reichsgau München" auszubauen. Die Einflusssphäre Münchens sollte sich über Eingemeindungen bzw. die Gründung eines Zweckverbands bis zum Ammersee erstrecken. Obwohl die Realität deutlich dahinter zurückblieb, fanden 1938 bis 1942 zahlreiche Eingemeindungen statt, die das Stadtgebiet um etwa die Hälfte vergrößerten.

Seit Ende des Jahres 1938 lag die Kompetenz für die Stadtplanung bei der Behörde des Generalbaurats Hermann Giesler. Das wichtigste Element der Verkehrsplanungen war ein Autobahnring, der in einem Durchmesser von 20 bis 25 Kilometer um die Stadt herumführen und die neuen Autobahnen verbinden sollte.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten

Am 9. März 1933 übernahm die Nationalsozialistische Partei die Macht in Bayern. An Münchens Stadtspitze trotzte Oberbürgermeister Karl Scharnagl von der Bayerischen Volkspartei noch eine Weile den braunen Machthabern, musste aber am 20. März "der Gewalt weichen". An seine Stelle trat der Nationalsozialist Karl Fiehler, der seit 1924 NSDAP-Stadtrat in München war.

Fiehler war Stadtoberhaupt von 1933 bis 1945 und sorgte dafür, dass die Wünsche Hitlers möglichst wortgetreu in München umgesetzt wurden. Das galt für die Stadtplanung ebenso wie für die Entrechtung und Verfolgung der Juden. Hitler ernannte München zur "Hauptstadt der deutschen Kunst" (1933) und zur "Hauptstadt der Bewegung" (1935). Die Nationalsozialisten nutzten München als Forum ihrer Kulturpolitik, für Inszenierungen und Machtdemonstrationen. Auch Architektur und Stadtplanung wurden darauf ausgerichtet, die Partei und ihren Führer nach außen zu repräsentieren und ihren Herrschaftsanspruch sichtbar zu machen.

"Haus der Deutschen Kunst"

Für die Nationalsozialisten sollte München die führende Kunststadt des Reiches sein. Eines der ersten Bauprojekte nach der Machtübernahme war daher die Errichtung des "Hauses der Deutschen Kunst" nach Plänen des Architekten Paul Ludwig Troost. Der 1931 abgebrannte Glaspalast an der Sophienstraße sollte durch einen nationalsozialistischen "Kunsttempel" ersetzt werden. Hier war der totalitäre Anspruch auf die "richtige Kunst" zu verwirklichen. Zur Eröffnung des Hauses wurde 1937 die erste große "Große Deutsche Kunstausstellung" präsentiert.

Die Parteizentrale am Königsplatz

Bereits 1930 erwarben die Nationalsozialisten das Barlow-Palais an der Brienner Straße. Paul Troost gestaltete es zum "Braunen Haus" um, dem Sitz der Reichsleitung der NSDAP. Damit war der Anfang für ein Parteiviertel gemacht, das die Maxvorstadt bald beherrschte.

Im Zentrum stand der Königsplatz mit den Parteibauten an der Arcis- und heutigen Meiserstraße, die 1937 fertiggestellt waren. Schon 1935 nahmen so genannte Ehrentempel die Toten des Hitlerputsches von 1923 auf und rangierten fortan als Kultzentren. Unauffälliger beherrschte der bürokratische Apparat der NSDAP die Umgebung des Königsplatzes. Berüchtigt war allerdings die Gestapo-Zentrale im Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße, in der viele Gegner des Regimes inhaftiert und gefoltert wurden.

Nach nicht realisierten Plänen sollte der Ausbau der Maxvorstadt zum Parteiviertel noch weitergehen. Gegenüber der Alten Pinakothek war ein riesiges Kanzleigebäude zum "Braunen Haus" geplant, daneben ein Forum und eine "Halle der Partei".

Die "Große Achse"

Im Zentrum von Hitlers Umbauplänen für München stand die Ost-West-Achse. Ähnlich dominante "Große Straßen" waren auch für andere Städte vorgesehen und sind kennzeichnend für die totalitäre Stadtplanung. Zur Entwicklung dieser Pläne ernannte Hitler im Dezember 1938 einen Generalbaurat für München, Hermann Giesler.

Mit der Verschiebung des Hauptbahnhofs nach Laim griffen die Nationalsozialisten eine alte Idee auf. Ihre Ausführung stand jedoch ganz im Zeichen der Megalomanie. An Stelle des Bahnhofs war ein riesiges "Denkmal der Bewegung" geplant: ein Pfeiler - doppelt so hoch wie die Frauenkirche und gekrönt von Adler und Hakenkreuz - auf einem gewaltigen Sockel. Von dort erstreckte sich die Achse über den neuen Hauptbahnhof hinaus bis zu einem "Forum der SA" in Pasing.

Text: Ulrike Haerendel, 2008

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1945 bis 1960: Aufstieg aus den Trümmern

Altstadt von München (Aufnahme von 1980)
LHM
Altstadt von München (Aufnahme von 1980)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht München vor der Entscheidung zwischen einem radikalen Neuanfang und der Rekonstruktion des alten Stadtbildes. Es entscheidet sich für einen maßvoll konservativen Wiederaufbau. Der "Münchner Weg" verbindet erhaltende mit zukunftsorientierter Planung und trägt damit entscheidend zur Bewahrung des Stadtbildes bei.

Rekonstruktion oder Neuanfang?

Während die Bürger gewaltige Anstrengungen auf sich nahmen, die Trümmer zu beseitigen und Unterkunft für die ausgebombte, bzw. evakuierte Bevölkerung zu schaffen, diskutierte die Fachwelt über die Grundsatzfrage, in welcher Form München wieder erstehen sollte. Die Vorstellungen reichten von der Idee, abseits von den Ruinen Münchens am Starnberger See eine völlig neue Stadt zu errichten, bis zu Forderungen nach einer möglichst weitgehenden Rekonstruktion.

Neubeginn auf Trümmerfelder

Viele Städte nutzten die Zerstörung als Chance, sich von den Fesseln der ungeliebten Stadt des 19. Jahrhunderts mit ihren Mietskasernen, ungesunden Hinterhöfen und engen Straßenräumen zu befreien und Raum zu schaffen für die Anforderungen einer modernen Zukunft.

Auf den abgeräumten Trümmerfeldern sollten die Leitbilder sowohl der "gegliederten und aufgelockerten" als auch der "autogerechten Stadt" verwirklicht werden. Anstelle einer kompakten Stadt sollte eine moderne "Stadtlandschaft" entstehen. Manche Planer konnten dabei auf Konzepte und Entwürfe für den Wiederaufbau zurückgreifen, die sie bereits in den letzten Kriegsjahren im Auftrag von Hitlers Rüstungsminister Speer erarbeitet hatten.

Gewahrte Kontinuität

Bereits im August 1945 entschied sich der Münchner Stadtrat trotz anhaltender Diskussionen für einen an der Tradition orientierten Wiederaufbau. Nach Vorschlägen von Stadtbaurat Karl Meitinger, die dieser später unter dem Titel "Das Neue München" veröffentlichte, sollte München im Kern so weit wie möglich wieder in der vertrauten Gestalt des Alten Münchens erstehen: "Wir müssen unter allen Umständen trachten, die Erscheinungsform und das Bild der Altstadt zu retten..., damit wir in einigen Jahrzehnten unser liebes München wieder haben wie es war."

Im Unterschied zu anderen Städten war München vor seiner Zerstörung nur wenig von den Auswirkungen der industriellen Entwicklung belastet. Die Stadt hatte sich den "behaglichen" Charakter der einstigen königlichen Residenzstadt bewahrt. Diesem verdankte sie ihren Ruf als Kunststadt und ihre Attraktivität für den Fremdenverkehr.

Zugeständnisse an den Fortschritt

Meitingers Vorschläge zur Wiederherstellung des alten Stadtbildes galten vor allem der Altstadt. Außerhalb der Altstadt sollten jedoch auch künftige Entwicklungen berücksichtigt werden und moderne Konzepte zum Zuge kommen.

Als "wahrscheinlich wichtigste städtebauliche Angelegenheit" bezeichnete Meitinger die Schaffung eines 50 bis 70 Meter breiten "Park- und Verkehrsrings" um die Altstadt. Dieser konnte weitgehend im Zuge des historischen Festungsgürtels geführt werden. Dennoch mussten zu seiner Realisierung auch breite Schneisen durch intakte Wohngebiete geschlagen werden. Jenseits des Altstadtrings entlang der Sonnenstraße schlug Meitinger ein Geschäftsviertel mit Büro- und Kaufhäusern vor. Hier sollten auch Hochhäuser zulässig sein.

Plan für ein neues Schwabing

Auch nach der Entscheidung für die Wiederherstellung des alten Stadtbildes hielt die Auseinandersetzung um moderne Alternativen noch einige Jahre an. Ein herausragendes städtebauliches Konzept im Sinne des Neuen Bauens war der 1946 vorgelegte Entwurf von R. Vorhoelzer für den Wiederaufbau Schwabings. Er knüpfte am Leitbild durchgrünter Quartiere in offener Bauweise an, ging dabei zwar vom bestehenden Blockraster aus, setzte sich aber über den noch intakten oder sanierungsfähigen Baubestand wie auch über die Grundbesitzverhältnisse hinweg. Der Plan wurde deshalb als utopisch und nicht finanzierbar abgelehnt.

Der "Münchner Weg" des Wiederaufbaus

Der Beschluss des Münchner Stadtrats, das vertraute Bild der Innenstadt wieder herzustellen, beruhte auf einer Reihe triftiger Gründe:

  • Einer radikalen Neuordnung standen komplizierte Bodenrechtsverhältnisse entgegen. Im Gegensatz zu den anderen Bundesländern gab es in Bayern kein Aufbaugesetz, das Umlegungen oder Enteignungen von Grundstücken erleichtert hätte. Eingriffe in das Bauliniengefüge waren in der Regel nur über teuren Grunderwerb durchsetzbar und vielfach mit langwierigen Auseinandersetzungen verbunden.
  • Die unterirdischen Versorgungs- und Entsorgungsnetze hatten die Zerstörung weitgehend überstanden. Dieses wertvolle Potenzial musste aus Kostengründen beim Wiederaufbau berücksichtigt werden.

Als Argument für sein Konzept führte Meitinger auch die Bedeutung Münchens als Stadt der Kunst und des Fremdenverkehrs an, die sie auch in Zukunft wieder haben sollte. Nicht zuletzt entsprach die Entscheidung aber auch der Meinung einer großen Mehrheit der Bürger. Auf ihr beruht der "Münchner Konsens", der bis heute immer wieder die Politik der Stadtentwicklung prägt.

Akteure des Wiederaufbaus

Unmittelbar nach Kriegsende setzte die amerikanische Militärregierung Karl Scharnagl als Oberbürgermeister ein. Dieses Amt hatte er schon von 1925 bis 1933 als letztes demokratisch gewähltes Stadtoberhaupt innegehabt. Scharnagl bestimmte maßgebend die Entscheidung für den Wiederaufbau der Stadt in ihrer überkommenen Gestalt.

Der eigentliche Wiederaufbau ist aber vor allem mit dem Namen Thomas Wimmer verbunden. Sein Amtsantritt als Oberbürgermeister im Jahr 1948 fiel mit der Währungsreform zusammen, die die Voraussetzungen für längerfristige Planungen schuf.

Die Planung des Wiederaufbaus lag vorwiegend in den Händen von Architekten und Bauingenieuren in der Stadtverwaltung. Die meisten von ihnen, darunter auch Karl Meitinger - Münchens erster Stadtbaurat nach dem Krieg - hatten diese Tätigkeit bereits vor 1945 ausgeübt. Über den Zusammenbruch hinweg trugen sie zur Kontinuität der Münchner Stadtplanung bei.

Wohnungsbau ohne Ende

Die bis heute anhaltende Wohnungsknappheit in München hatte im Lauf der Zeit wechselnde Gründe. Zuerst fehlten Wohnungen, weil die Stadt zerstört war, dann weil immer mehr Menschen nach München kamen. Seit 1972 wuchs die Bevölkerung nicht mehr, breitete sich aber im bestehenden Wohnraum immer mehr aus. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf stieg von 1950 bis heute von 15 auf 38 Quadratmeter. Die Gründe hierfür liegen einerseits in den höheren Ansprüchen an die Wohnung, vor allem aber in der Zunahme von kleinen Haushalten, für die es nicht genügend kleine Wohnungen gibt. 54 Prozent der Münchner leben heute allein, 30 Prozent zu zweit.

Für die Stadtplanung hat dies weitreichende Folgen. Selbst bei stagnierender oder abnehmender Bevölkerungszahl müssen immer mehr Wohnungen und neue Siedlungen gebaut werden, auch die Infrastruktur bedarf einer ständigen Erweiterung, ohne mehr Menschen zu versorgen. Die Folgen sind neben einer allgemeinen Änderung des städtischen Zusammenlebens eine zunehmende Versiegelung des Bodens und steigende Kosten für Heizung, Beleuchtung und Verkehr.

Text: Lutz Hoffmann, 2008

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1960 bis 1972: Auf der Überholspur in die Moderne

Altstadtring (Aufnahme von 1968)
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Altstadtring (Aufnahme von 1968)

Ende der fünfziger Jahre übersteigt Münchens Einwohnerzahl die Millionengrenze. Das stete Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft führt zu neuen Problemen. Ein umfassender Stadtentwicklungsplan schafft in den sechziger Jahren die Voraussetzungen für weiteres Wachstum und den Wandel zur modernen Großstadt.

Der Siegeszug des Automobils

Anfang der 50er Jahre setzte mit der Welle der Motorisierung eine Entwicklung ein, die das Erscheinungsbild von Städten und Gemeinden entscheidend veränderte.

Rationalisierung, Massenproduktion und steigende Reallöhne machten das Automobil für immer breitere Schichten erschwinglich. Es wurde zum Kennzeichen des "Wirtschaftswunders." Vorangetrieben durch Straßenbau und die staatliche Förderung von Eigenheimen breitete sich die Siedlungstätigkeit in das Umland aus. Gleichzeitig überrollten Pendlerströme die Kernstadt und drohten sie im Verkehr zu ersticken.

Der kaum erweiterbare städtische Straßenraum zwang Anfang der 70er Jahre zu einer Wende in der Verkehrspolitik. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs erhielt Vorrang gegenüber dem Straßenbau. Doch das individuelle Bedürfnis nach Mobilität konnte nicht mehr vernachlässigt werden. Ausgewogene Verkehrskonzepte zu entwickeln und zu verwirklichen, wurde zu einer der wichtigsten, aber auch undankbarsten Aufgaben der Stadtplanung.

Ein neues Leitbild für die Stadtentwicklung

1960 begann eine neue Phase der Stadtplanung. In diesem Jahr trat das Bundesbaugesetz als einheitliches Planungsrecht für die gesamte Bundesrepublik in Kraft. Die Münchner Staffelbauordnung galt parallel nur noch als übergeleitetes Baurecht bis 1979 fort.

Bisher war der Wiederaufbau Münchens ohne erkennbares Gesamtkonzept verlaufen. Der 1960 gewählte Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel erkannte die Notwendigkeit einer umfassenden Planung für die künftige Entwicklung der Stadt, an der sich alle kommunalen Aktivitäten zu orientieren hatten. Als eigenständige Planungsaufgabe ergänzt seither Stadtentwicklungsplanung die traditionelle Stadtplanung.

Der Stadtentwicklungsplan von 1963 bot erstmals nach der Staffelbauordnung von 1904 wieder ein städtebauliches Leitbild. Basierend auf wissenschaftlichen Untersuchungen und Prognosen bestimmte er maßgeblich die weitere Entwicklung Münchens. Auf der Grundlage des nach seinem Verfasser auch als "Jensen-Plan" bekannten Planwerks holte München in einem gewaltigen Kraftakt die Modernisierung der Stadt nach.

Ein Bürger tritt auf den Plan

Die forcierte Modernisierung der Stadt brachte nicht nur Vorteile. Ende der 60er Jahre wurden zunehmend auch Nachteile erkennbar wie steigende Bodenpreise, die Verdrängung der Wohnbevölkerung aus der Innenstadt, der Verlust charakteristischer Elemente des Stadtbildes.

Erstmals begannen Bürger sich zu wehren und Druck auf Entscheidungen der Stadtplanung auszuüben. Der Widerstand entzündete sich 1966 an dem Vorhaben, den Altstadtring unter dem Prinz-Carl-Palais in einen Tunnel zu verlegen. Zentrum des Widerstands war das "Münchner Bauforum".
Der Bau des Tunnels ließ sich zwar nicht verhindern, Oberbürgermeister Vogel griff aber die Initiative des Bauforums auf und gründete 1968 das "Münchner Diskussionsforum für Stadtentwicklungsfragen", das Münchner Forum. Die einzigartige, von der Stadt weitgehend finanzierte Einrichtung bietet seither eine wertvolle Plattform für die öffentliche Diskussion wichtiger Probleme und Projekte der Stadtentwicklung.

Der "Rosa-Zonen-Plan"

Der Widerstand gegen städtische Planungen erhielt Ende der 60er Jahre politisches Gewicht. In den Stadtgebieten rings um die Altstadt bildeten sich Bürgerinitiativen, die sich gegen die Ausbreitung des Geschäftszentrums der City in die Innenstadtrandgebiete und gegen die damit verbundene Zerstörung ihrer Wohnquartiere zur Wehr setzten. In konzertierten Aktionen erreichten sie, dass der Stadtentwicklungsplan von 1963 geändert wurde. 1974 beschloss der Stadtrat den "Rosa-Zonen-Plan" zum weitgehenden Schutz der bestehenden Wohngebiete.

Allein auf der Grundlage des neuen Plans war aber die Ausbreitung der City nicht aufzuhalten. Gegenüber der wirtschaftlichen Dynamik und den Bindungen des Bodenrechts reichten die Steuerungsmöglichkeiten der Stadtplanung nicht aus.

Integrierte Stadtentwicklungsplanung

Fehlentwicklungen und Kritik der Bürger waren für Vogel Ende der 60er Jahre Anlass, die Entwicklungsplanung neu zu organisieren.

Aus einem Planungsstab ging 1970 das Stadtentwicklungsreferat hervor. Als eigenständigem Ressort waren ihm drei Aufgabenschwerpunkte zugewiesen:

  • Intensivierung der Stadtforschung,
  • Koordinierung aller städtischen Planungsaktivitäten,
  • Demokratisierung der Planung und stärkere Beteiligung der Bürger am Planungsprozess.

Das stark vom Zeitgeist bestimmte Konzept war getragen vom Klima der damaligen Bonner Reformpolitik und der Überzeugung, mit wissenschaftlich begründeten Methoden die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung steuern zu können. In der Praxis erwies sich sein Anspruch als zu hoch gesteckt. Mit der 1972 einsetzenden Wirtschaftskrise war es nicht mehr aufrecht zu erhalten. 1979 wurde das Stadtentwicklungsreferat als eigenständiges Ressort wieder aufgelöst. Seine Aufgaben sind heute dem Planungsreferat zugeordnet.

Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel

Mit seiner Entscheidung, erstmals einen Plan für die Gesamtentwicklung der Stadt erstellen zu lassen, leitete Oberbürgermeister Vogel 1960 eine neue Ära der Stadtplanung ein. Sie bereitete nicht nur der Entwicklung Münchens zur modernen Großstadt den Weg, sondern machte auch bundesweit unter dem Begriff "Stadtentwicklungsplanung" Schule. Auf zunehmende Kritik an den negativen Folgen der Modernisierung reagierte Vogel mit dem Konzept einer "Integrierten Stadtentwicklungsplanung" unter breiter Beteiligung der Bürger. 1972 verließ er München, um das Amt des Bundesbauministers in Bonn zu übernehmen. Die im gleichen Jahr einsetzende allgemeine Wirtschaftskrise bot Gelegenheit, den stark sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz der Integrierten Stadtentwicklungsplanung wieder auf eine pragmatische Ebene zurückzuführen.

Text: Lutz Hoffmann, 2008

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1973 bis 2000: Krisen und Konsolidierung

Stadtansicht von München
Stadtansicht München mit der Frauenkirche © LHM

Mit den Olympischen Spielen 1972 erreicht die Nachkriegsentwicklung Münchens ihren Höhepunkt. Danach brechen die "goldenen Jahre " mit der Ölkrise von 1973 jäh ab. Erst in den neunziger Jahren, nach einer Phase der kleinen Schritte, beschließt der Stadtrat wieder ein umfassendes Konzept, um die Bedeutung Münchens als Weltstadt auszubauen und zu sichern.

Stadt im Gleichgewicht

1975 verabschiedete der Stadtrat einen neuen Stadtentwicklungsplan. Dieser war geprägt vom Entwicklungsbruch von 1973. Einerseits galt es, die Auswirkungen des überhitzten Wachstums der Vergangenheit zu korrigieren, andererseits wieder Wirtschaftswachstum zu fördern und Arbeitsplätze zu sichern.

Im Unterschied zum Stadtentwicklungsplan von 1963 wurde weniger ein städtebauliches als vielmehr ein gesellschaftspolitisches Leitbild formuliert: "... die Stadt im Gleichgewicht, in der die Funktionen und Interessen abgestimmt sind auf ein Höchstmaß an Chancengleichheit und Lebensqualität für alle Bürger". Zentraler Leitgedanke für die Siedlungsentwicklung war das "Polyzentrische Konzept". Um einer einseitigen Nutzungsstruktur und drohender Verödung zu begegnen, sollte die Innenstadt durch eine größere Zahl attraktiver dezentraler Standorte entlastet werden.

Innenentwicklung statt Stadterweiterung

Der voraus gegangenen Politik des Baus teurer Großsiedlungen am Stadtrand wurde eine Absage erteilt. Stattdessen sollte sich die Bautätigkeit auf gut erschlossene Flächenreserven innerhalb bestehender Siedlungsbereiche konzentrieren. Die wertvollen Freiflächen am Stadtrand sollten dagegen für die Naherholung gesichert werden.

Als wichtige Aufgabe erkannte man die Sanierung und Modernisierung bislang vernachlässigter Stadtbereiche. Das Städtebauförderungsgesetz von 1971 schuf hierfür neue rechtliche und finanzielle Grundlagen. Anstelle von großflächiger Sanierung durch Abbruch und Neubau verfolgte München von Anfang an ein Konzept der erhaltenden Stadterneuerung. Mit wachsender Attraktivität der Innenstadt breiteten sich aber auch Luxusmodernisierung und Immobilienspekulation aus.

Wende in der Verkehrspolitik

Ein bedarfsgerechter Ausbau des Straßennetzes hatte sich längst als unmöglich erwiesen. Die Lösung wurde im verstärkten Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel gesehen. Der Straßenbau dagegen war "auf ein unbedingt erforderliches Maß zu beschränken". Zahlreiche Straßenprojekte wurden aufgegeben. Zugleich wurde die Verkehrsberuhigung in den innerstädtischen Wohnquartieren zu einer neuen Aufgabe der Verkehrsplanung. Mit der besseren Erschließung durch öffentliche Verkehrsmittel ließen sich die Umweltbelastungen in der Innenstadt reduzieren.

Kernstadt und "Speckgürtel"

Bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war München noch die klar abgegrenzte Kernstadt eines ländlich geprägten Umlands. Die Gemeinden der Umgebung blieben zunächst weitgehend unberührt vom Wachstum und Wandel Münchens zur modernen Großstadt. Im Laufe der 50er Jahre begann sich die Siedlungstätigkeit zunehmend in das Umland auszubreiten. Bald nahm hier das Wachstum stärker zu als in München. Das brachte gravierende Probleme mit sich: vor allem Verkehrsprobleme, aber auch eine unausgewogene Verteilung der finanziellen und sozialen Lasten zwischen Kernstadt und Umlandgemeinden. Nicht zuletzt bedrohte ein unkontrolliertes Wachstum die landschaftliche Schönheit der Region und gefährdete damit ihren einzigartigen Freizeitwert.

Lokalpolitik und regionale Verantwortung

Die Entwicklungsprobleme der Region konnten nur von Kernstadt und Umlandgemeinden gemeinsam angegangen werden. Bereits 1950 hatte sich ein Großteil der stadtnahen Gemeinden und Landkreise auf freiwilliger Basis zum "Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München" zusammengeschlossen. Seine Aufgabe, die Planungen der Gemeinden zu koordinieren und in einem Regionalplan festzulegen, wurde 1973 weitgehend vom "Regionalen Planungsverband München" übernommen. Gegenüber den Städten und Gemeinden verfügt die Regionalplanung nur über begrenzte Durchsetzungsmöglichkeiten. Der Einigung auf gemeinsame Ziele stehen in der Praxis oft lokale Interessen entgegen.

Im Aufwind

Mitte der 80er Jahre setzte ein neuer wirtschaftlicher Wachstumsschub ein. Niedrige Energiekosten dank stark gesunkener Rohölpreise und der zunehmende Einsatz neuer Technologien führten zu einer Belebung der Wirtschaft. Im Rahmen einer ehrgeizigen Modernisierungs- und Investitionspolitik des Freistaats Bayern entwickelte sich München zur High-Tech-Metropole. Gleichzeitig begann die chronische Knappheit an Bauflächen in ein Überangebot umzuschlagen: Im Zuge von Betriebsmodernisierungen wurden viele Gewerbeflächen frei. Zur Nachnutzung der frei werdenden Flächen setzte eine Welle großer Projekte ein, die gelegentlich als "neue Gründerzeit" bezeichnet wird.

Der Flughafen München II

Initiativen für die Entwicklung von Stadt und Region gingen jetzt vorwiegend von externen Akteuren aus. Vor allem der Bau des mit langem Vorlauf geplanten Flughafens München II gab der wirtschaftlichen Entwicklung neue Impulse und eröffnete München den Weg zur "global city". Die Entscheidung für einen Standort zog sich über viele Jahre hin, da gegen alle in Betracht genommenen Grundstücke Bürger, Gemeinden und Verbände Widerstand leisteten. Erst 1986 war der Weg für den Bau im Erdinger Moos frei. Heute bildet der neue Flughafen nach Frankfurt am Main das zweite internationale Drehkreuz auf deutschem Boden.

Die große Umzugskette

Die Auslagerung des Flughafens leitete eine Wende in der Münchner Siedlungsentwicklung ein. Die frei werdende Fläche von 550 ha löste eine Umzugskette aus, die auch auf dem engen innerstädtischen Grundstücksmarkt neue Möglichkeiten eröffnete. Die Münchner Messe konnte aus den beengten Verhältnissen der Innenstadt auf das ehemalige Flughafengelände in Riem verlagert werden. Nach den Olympia-Anlagen war dies das größte Investitionsvorhaben der Stadt. Südlich der Messe entsteht ein neues Stadtquartier für 16.000 Einwohner und 13.000 Beschäftigte sowie ein großzügiger und weit in die Stadt hinein führender Grünraum. Dort wird 2005 die Bundesgartenschau stattfinden.

Die "Perspektive München"

Neue Herausforderungen wie die Europäische Einigung, die Öffnung des Ostens und die Globalisierung von Produktion und Märkten verlangen verstärkte Anstrengungen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts München zu sichern und auszubauen. Die veränderte Situation erfordert auch andere Strategien der Stadtentwicklungsplanung.

Anstelle einer Neufassung des Stadtentwicklungsplans verabschiedete der Stadtrat 1998 unter dem Titel "Perspektive München" einen flexiblen Orientierungsrahmen von Leitlinien für die künftige Stadtentwicklung. Für die Siedlungsentwicklung gilt das Leitmotiv "kompakt - urban - grün":

  • "kompakt" bedeutet eine sparsame Flächennutzung durch kompakte und dichte Bebauung,
  • "urban" bedeutet eine lebendige Mischung von Wohnen und Arbeiten, Einkaufen und Erholen,
  • "grün" bedeutet ein attraktives Angebot an Freiflächen und Grünanlagen zur Verbesserung des Naturhaushalts und der Erholungsqualitäten.

Grünplanung in München

Seine berühmtesten Grünanlagen, den Nymphenburger Park und den Englischen Garten, verdankt München den einstigen bayerischen Herrschern. Im Übergang vom höfisch-französischen Park zum englischen Landschaftsgarten spiegelt sich neben dem ästhetischen auch ein gesellschaftlicher Wandel: Der Park stand nun allen Ständen offen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlosch für über 100 Jahre das Interesse an der Schaffung größerer Grünanlagen. Eine gewisse Verbesserung brachte 1898 eine Ministerialentschließung, wonach bei neu zu erstellenden Baulinienplänen fünf Prozent der Gesamtfläche für Grünanlagen und Kinderspielplätze unentgeltlich an die Stadt abzutreten waren. Erst nach 1945 entstand eine neue Generation großer innerstädtischer Parkanlagen als Ausgleich für die zunehmende städtebauliche Verdichtung. Heute ist Grünplanung zu einer eigenen Disziplin geworden, in deren Aufgabenfeld sowohl die ökologischen als auch die sozialen und gestalterisch-ästhetischen Aspekte der Freiraumplanung erfüllt sein müssen.

Hochhäuser in München - ein altes Thema

Auf dem Weg zur "global city" holt der weltweite Hochhausboom auch München ein. Damit flammt eine Diskussion wieder auf, die bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts zurück reicht.

München hatte seit jeher ein kritisches Verhältnis zu Hochhäusern. Um das Stadtbild zu wahren, war die Altstadt grundsätzlich von Hochhäusern frei zu halten. Begleitet von Protesten wurden Hochhäuser aber immer wieder zugelassen, sofern sie genügend Abstand von der Frauenkirche hielten und deren Türme nicht überragten.

Auf der Grundlage von Hochhausstudien aus den Jahren 1977 und 1995 bekannte sich der Stadtrat erneut zur zurückhaltenden Hochhauspolitik. In den Stadtbereichen außerhalb der Altstadt wurden jedoch Gebiete bestimmt, in denen eine städtebauliche Verdichtung auch in Form von Hochhäusern möglich sein soll. Derzeit besteht die Tendenz, Hochhäusern eine größere Bedeutung für das moderne Erscheinungsbild der Stadt einzuräumen.

München im 21. Jahrhundert, global - lokal

Nach der Jahrtausendwende geht es auch in München vor allem um die Frage: Wie behauptet sich die Stadt im globalen Zusammenhang? Kann sie ihre besonderen Qualitäten auch in Zukunft erhalten und unter erschwerten Bedingungen weiterentwickeln? Was ist die lokale Sicht, der Blick der Bürger auf ihr München?

Text: Lutz Hoffmann, 2008

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  • Referat für Stadtplanung und Bauordnung

    Abt. 4 Räumliche Entwicklungsplanung, Flächennutzungsplanung

    Blumenstraße 31

    089 233-22583

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