Internationale Klassen feiern 50. Jubiläum
50 Jahre internationale Klassen an der Carl-von-Linde-Realschule: Beim Festakt im Alten Rathaus wird der Erfolg der schulischen Integrationsarbeit gewürdigt.
Eine Schule, viele Wege: Stimmen aus den internationalen Klassen
Für sie habe die Schule sich angefühlt wie Familie. Das sagt Shi Binghui auf der Bühne des Alten Rathauses, als sie mit anderen ehemaligen Schüler*innen und Lehrkräften über ihre Erfahrung in den internationalen Klassen spricht, moderiert von Thomas Böhnke, dem Leiter des Lernhauses Internationale Klassen.
Binghui hat ihren Realschulabschluss an der Städtischen Carl-von-Linde-Realschule im Sommer 2023 abgelegt. Jetzt bereitet sie sich auf das Abitur vor. Sie drückt sich sehr präzise und gewählt aus, ihre Aussprache ist fast muttersprachlich – obwohl die Anfänge sehr hart waren, wie sie selbst sagt. Die Unterstützung durch die Lehrkräfte sei einfach sensationell gewesen.
Tien Nguyen pflichtet ihr bei. Er hat 40 Jahre vor ihr seinen Abschluss in der internationalen Klasse abgelegt. Auch für ihn folgte danach das Abitur, dann ein Studium an der TU München und danach 30 Jahre erfolgreicher selbstständiger Tätigkeit im IT-Management. Ngyuen gehörte damals zu den vietnamesischen „Boat People“, war ohne Familie nach Deutschland geflüchtet. Die Atmosphäre in der internationalen Klasse beschreibt er als außerordentlich liebevoll, seine Zeit dort sei für ihn die schönste Zeit seines Schullebens gewesen.
Voller Emotion ist auch Alhassane Youla, der Absolvent aus dem Schuljahr 2021/22. Ihn überkommt die Dankbarkeit und Emotion zwischenzeitlich so heftig, dass er kaum weitersprechen kann. Die Städtische Carl-von-Linde-Realschule sei für ihn so eine wichtige Station gewesen, betont er. Weit über das Lernen hinaus.
Die Wertschätzung für das besondere Miteinander betrifft nicht nur die Schüler*innen. Auch die ehemaligen Lehrkräfte Jochen Theml und Anne Kansmeyer betonen die tiefe, emotionale Verbundenheit in den internationalen Klassen. Waren die Schüler*innen dankbar für die individuelle Förderung, so wertschätzten die Kolleg*innen das große Engagement der internationalen Schüler*innen und den respektvollen Umgang miteinander. Musiklehrer Jochen Theml bezeichnet die Internationalen Klassen als Höhepunkt in seinem Berufsleben.
Musik spielt in den internationalen Klassen eine große Rolle - und Musik prägte auch die Festveranstaltung. Fantastische Darbietungen kamen von Jacob Rittermann (8b), Michelle Sophie Touzos (7e), Polina Sukhomlyn und Yarn Parm (9a), Alisa Trofimchuk (Absolventin 2025) und Mariia Sribniak (6d).
Internationale Klassen: Entwicklung eines Schulkonzepts
Die internationalen Klassen gehen auf einen staatlichen Schulversuch der 1970er Jahre zurück. 1976 starteten in Bayern sogenannte Eingangsklassen für Kinder ausländischer Arbeitnehmer, um den Übergang in das deutsche Schulsystem zu erleichtern. An der Städtischen Carl-von-Linde-Realschule entwickelten Lehrkräfte daraus früh ein eigenes Förderkonzept mit intensiver Sprachbildung und angepassten Lernstrukturen.
Aufbauend auf den frühen Förderansätzen wurden Unterrichtsstrukturen, Übergänge und Unterstützungsangebote an der Städtischen Carl-von-Linde-Realschule kontinuierlich weiterentwickelt, professionalisiert und an sich verändernde Zuwanderungsrealitäten angepasst. Diese langfristige schulische Entwicklungsarbeit schuf tragfähige pädagogische Routinen und Konzepte, die bis heute die Grundlage für den erfolgreichen Bildungsweg neu zugewanderter Jugendlicher bilden. Das Modell überzeugte auch die staatliche Schulaufsicht: Seit 1990 können Realschulen im gesamten Freistaat internationale Klassen einrichten.
Individuelle Förderung mit klarer Perspektive
Der Erfolg der internationalen Klassen beruht wesentlich auf vier Komponenten: gleicher Abschluss durch verlängerte Schulzeit, intensive Sprachbildung und gezielte Unterstützung beim fachlichen Lernen. Wichtig sind auch die individuellen Aufnahmegespräche und Einstufungstests. Sie helfen dabei, die Jugendlichen passend einzuordnen und vor Überforderung zu schützen – neben den Internationalen Klassen stehen ja auch andere Beschulungsmodelle zur Verfügung.
Allein an der Städtischen Carl-von-Linde-Realschule haben in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten etwa 2.200 zugewanderte Schüler*innen eine internationale Klasse besucht und die Realschule erfolgreich abgeschlossen. Mit den so erworbenen Kompetenzen konnten sie ihren Weg an Fachoberschulen, Berufsoberschulen oder anderen weiterführenden Einrichtungen fortsetzen und damit die Grundlage für ein wirtschaftlich unabhängiges, selbstbestimmtes Leben in Deutschland schaffen. Unter den Ehemaligen finden sich Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern – von Handwerk und IT über Wissenschaft, Medizin, Technik und Recht bis hin zu Pädagogik, Kultur und Unternehmertum.
Stimmen zu 50 Jahre Internationale Klassen
„Die internationalen Klassen zeigen seit 50 Jahren, wie Integration durch Bildung gelingt. Sie eröffnen jungen Menschen Möglichkeiten und helfen, in der neuen sicheren Heimat anzukommen und Teil der Münchner Gemeinschaft zu werden. Nebenbei leisten die internationalen Klassen einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung für die Münchner Wirtschaft und zeigen, wie wichtig aktive Sozial- und Bildungspolitik für eine gute Wirtschaft sind.“
„Dieses Modell steht beispielhaft für das nachhaltige Bemühen der Landeshauptstadt, Bildungsgerechtigkeit und sozialen Zusammenhalt in München zu stärken. Durch die internationalen Klassen erhalten neu zugewanderte Jugendliche faire Startbedingungen und die Möglichkeit auf echte Teilhabe. Das erhöht nicht nur die individuelle Zufriedenheit, sondern auch den gesellschaftlichen Frieden in unserer Stadt.“
„Die internationalen Klassen sind für unsere Schule weit mehr als ein Förderangebot. Sie bereichern das Schulleben, stärken das soziale Miteinander und öffnen den Blick für unterschiedliche Lebenswege und Perspektiven. Für viele Lehrkräfte ist die Arbeit in diesem Lernhaus besonders erfüllend, weil hier unmittelbar erlebbar wird, was Schule bewirken kann. Davon profitiert die gesamte Schulfamilie.“