Antrittsrede von OB Dominik Krause
Im Rahmen der festlichen Eröffnungssitzung des neu gewählten Stadtrats für die Amtsperiode 2026 bis 2032 hielt Oberbürgermeister Dominik Krause seine Antrittsrede.
Die Antrittsrede im Wortlaut
Skript der Rede vom 11. Mai 2026 im Festsaal des Alten Rathauses. Es gilt das gesprochene Wort.
„Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die letzten Wochen und Monate waren bei uns allen geprägt von vielen aufregenden Momenten, von Stunden an Wahlkampfständen, von emotionalen Aufs und Abs und zu wenig Schlaf.
Heute ist der Moment, um einmal kurz innezuhalten. Und festzustellen, dass all das sich ausgezahlt hat und Sie und Ihr – dass wir alle das große Privileg haben, in den nächsten sechs Jahren Politik für unsere wunderbare Stadt machen zu dürfen. Herzlichen Glückwunsch zur Neu- und auch zur Wiederwahl liebe Kolleginnen und Kollegen!
Von noch etwas waren die letzten Monate aber auch geprägt: nämlich vermutlich zu wenig Zeit mit unseren Familien. Und deswegen will ich gleich zu Beginn Danke sagen, an all die, die uns dieses Privileg ermöglichen: unseren Partnerinnen und Partnern, unseren Kindern und Eltern oder Wahlfamilien. Vielen, vielen Dank!
Die gute Nachricht ist, liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie sind jetzt ein Teil des Münchner Stadtrates. Die schlechte Nachricht ist: So viel besser wird das mit der Zeit vermutlich so schnell nicht werden.
Wir stehen vor großen Herausforderungen. Starkes Bevölkerungswachstum, Wohnungsnot, Aufholbedarf bei Verkehr und Infrastruktur.
Diese Aufzählung stammt allerdings nicht von mir. Diese Themen definierte Hans-Jochen Vogel zu Beginn seiner Amtszeit als Münchner Oberbürgermeister als zentrale Herausforderungen Münchens. Im Jahr 1960.
Auch heute leidet München unter Wachstumsschmerzen, in zwölf Jahren sind rund 150.000 Menschen neu nach München gezogen. Sie alle brauchen Wohnraum, öffentliche Verkehrsmittel, Kita-Plätze, Schulen, Freibäder und Arbeitsplätze.
Vor 66 Jahren gelang es Hans-Jochen Vogel und dem damaligen Stadtrat, diese Herausforderungen zu bewältigen, München zu modernisieren und eine Weltstadt zu formen, ohne auf diesem Weg Herz und Identität der Stadt zu verlieren.
Von vielen Entscheidungen von damals profitieren wir noch heute. U-Bahn, Fußgängerzone, Siedlungsentwicklung, und über allem stehend natürlich die Olympischen Spiele samt Olympiapark, dem ersten prägenden Bauwerk Münchens, das nicht von Königen ausgegangen ist, sondern von der Stadt selbst. Damals erfand sich München neu, und nach anfänglicher Skepsis entwickelte sich in der Bevölkerung eine Aufbruchstimmung, eine neue Lust auf Zukunft.
Heute haben wir es uns in Deutschland vielleicht ein wenig zu sehr in der Gegenwart gemütlich gemacht. Man hat manchmal das Gefühl, unser Land leidet an Veränderungsunwilligkeit, weil sich Politik und Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stillschweigend auf das Bewahren des Status Quo geeignet haben.
Selbstverständlich ist es nicht falsch, Bewährtes zu erhalten, ganz im Gegenteil. Aber dieses Bewährte muss ergänzt werden durch Offenheit für Neues.
Es gab in den letzten Wochen ja viele unterschiedliche Analysen, worum es bei dieser Kommunalwahl ging. Ich glaube, die Kommunalwahl war ein Zeichen, dass die Münchnerinnen und Münchner sich mehr von dieser Offenheit wünschen und eine optimistische Haltung, die Wandel nicht als Bedrohung sieht, sondern als Chance!
In diesem Geist fanden auch die vielen Koalitions- und Sondierungsgespräche der letzten Wochen statt. Und ich habe in eigentlich allen Gesprächen genau das erlebt, nämlich den großen Willen, Verantwortung für unsere Stadt zu übernehmen und sie auch weiterzuentwickeln. Dafür will ich ausdrücklich danke sagen, an die Kolleginnen und Kollegen aller demokratischen Parteien!
In welche Richtung München sich weiterentwickeln soll, darüber werden wir in den nächsten sechs Jahren diskutieren. Aus meiner Sicht sind die größten Aufgaben, denen wir uns alle, quasi ab heute, mit Hochdruck widmen müssen, vor allem zwei: die Konsolidierung und Sicherung des städtischen Haushalts und die Bereitstellung und der Erhalt von bezahlbarem Wohnraum.
Am Wohnen entscheidet sich die Zukunft Münchens, ob wir weiter eine Stadt für alle sind oder eben nur für manche. Das ist keine abstrakte Frage von Gerechtigkeit, sondern eine ganz konkrete, ob wir als Stadt weiter funktionieren. Ob hier auch die Busfahrerin, der Polizist, die Handwerkerin und die Kindergärtnerin noch ein Zuhause haben und sich eine Miete leisten können – und damit auch die Stadt weiterhin am Laufen halten können.
Wohnen ist die zentrale soziale Frage der kommenden Jahre. Niemand von uns kann versprechen, die Wohnungskrise von heute auf morgen zu lösen. Aber wir alle – und das sage ich ganz bewusst, denn das ist kein Auftrag an einen Oberbürgermeister oder eine Partei, sondern an alle Demokratinnen und Demokraten – wir alle sind gefragt, mit Hochdruck daran zu arbeiten.
Ich habe an meinem ersten Arbeitstag als OB zu einer Wohnungsbau-Konferenz in der kommenden Woche eingeladen, und ich freue mich, dass alle wichtigen Akteure aus München ihre Teilnahme zugesagt haben.
Denn es wird einen Kraftakt aller relevanten Akteure brauchen und wir werden ihn nur schaffen, wenn auch alle bereit sind, das ein oder andere lieb gewonnene Dogma auf den Prüfstand zu stellen – und die Bereitschaft dazu habe ich in den vielen Vorgesprächen bisher genau so wahrgenommen.
Und was mich besonders freut, ist, dass auch unsere Stadtverwaltung mit allergrößtem Elan dabei ist. Auch wenn es immer wieder Gefrotzel gibt und ja, vielleicht auch das ein oder andere Mal nicht perfekt läuft: Ich darf seit jetzt fast zwölf Jahren erleben, wie sehr die städtischen Kolleginnen und Kollegen mit viel Herzblut für unsere Stadt und für ihre Themen brennen. Und deswegen an dieser Stelle ein großer Dank, an all unsere Beschäftigten für ihre Arbeit und ihren Einsatz bei allem, was noch kommt!
Sehr geehrte Damen und Herren,
das zweite große Problem, vor dem nicht nur die künftige Koalition steht, ist die finanzielle Situation. Wir befinden uns in einer veritablen Haushalts-Krise, die uns im Grunde jeden Handlungsspielraum nimmt, wenn wir nicht massiv gegensteuern. Jedes Jahr am Abgrund entlang hangeln und darum bangen, ob wir einen genehmigungsfähigen Haushalt hinbekommen, das darf kein Dauerzustand sein.
München ist nicht die einzige Stadt, die vor dieser Herausforderung steht. Corona, der russische Angriffskrieg und ganz aktuell die Zoll-Politik der USA haben ihre Spuren in den Haushaltskassen aller deutschen Kommunen hinterlassen. Und wenn man die weltpolitischen Geschehnisse so anschaut, wird es so schnell wohl auch nicht besser werden.
Die Umstände können wir nicht ändern, aber unsere eigenen Hausaufgaben können, ja müssen wir machen. Deshalb ist es unerlässlich, Ausgaben zu priorisieren und uns auf die Kernaufgaben der Kommune zu konzentrieren, um dauerhaft handlungsfähig zu bleiben.
Wir müssen unsere laufenden Ausgaben senken, und zwar drastisch. Ich bin der neuen Rathaus-Mehrheit sehr dankbar, dass sie das im Koalitionsvertrag gleich zu Beginn mit einem Ziel untermauert hat.
Manches davon wird mit Digitalisierung und Hebung von Effizienzen zu erreichen sein. Unser aller – und damit meine ich auch wieder alle demokratischen Kräfte im Stadtrat – Aufgabe muss sein, dass wir uns jeden Prozess anschauen, jede Ausgabe, jeden Stein umdrehen, um genau diese Potentiale so gut es geht zu heben.
Das alleine wird aber nicht reichen, wir werden auch harte Einschnitte bei den laufenden Kosten beschließen müssen.
Was dabei aber immer gelten muss, ist, dass wir auf eine gute Balance achten und vor allem die Schultern belasten, die es auch tragen können. Es kommt in den Aufzählungen, was München so besonders macht, selten vor, aber unser eng geknüpftes soziales Netz ist eine der größten und wichtigsten Errungenschaften unserer Stadt. Wir lassen niemanden im Stich, sondern sind für diejenigen da, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen und die auf eine soziale Stadt angewiesen sind, und genau so soll es auch bleiben!
So sehr wir bei den laufenden Kosten nach unten müssen, so sehr braucht es aber auch weiterhin Investitionen in die Infrastruktur und damit, gerade in Zeiten des Bevölkerungswachstums, in die Zukunft unserer Stadt.
Wir müssen investieren, in bezahlbare Wohnungen, in eine funktioniere Verkehrsinfrastruktur, also den Erhalt unserer Straßen, den Ausbau des ÖPNVs und ja, auch den ein oder anderen Fahrradweg.
Der größte Posten im Haushalt sind die Ausgaben für Schulen und Kitas. Investitionen in unsere Kinder sind das Sinnvollste, was eine Kommune machen kann, deshalb werden wir hier auch in Zukunft das meiste Geld aufwenden. Nicht zu vergessen die Kultur, deren Wert für München gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.
Und last but not least müssen wir auch unsere städtische Energie-Infrastruktur erneuern und uns durch den Ausbau von Geothermie und Photovoltaik unabhängig machen von fossilen Energien, die uns zum Spielball von Autokraten gemacht haben.
Sehr geehrte Damen und Herren,
es gibt in unserer Stadt Stimmen, auch politisch, die dem entgegnen, wir mögen doch einfach das Wachstum beenden, dann würden sich all diese Probleme auch erledigen. Die am liebsten die Zugbrücke in München hochziehen würden.
Abgesehen davon, dass wir weder Zugbrücke noch Burggraben haben, halte ich diese Forderung für einen Irrweg. Ja, München leidet unter Wachstumsschmerzen, aber um diese zu lindern, brauchen wir prosperierende Unternehmen, denn neue Wohnungen, U-Bahnen, Schulen und unser soziales Netz kosten Geld. Als Kommune sind wir auf Gewerbesteuern angewiesen, um eine gute Daseinsvorsorge für unsere Bevölkerung zu ermöglichen.
Deshalb ist es unser aller Auftrag, die Rahmenbedingungen in München weiter zu verbessern, damit unsere Unternehmen hier erfolgreich sein können.
München ist das ökonomische Kraftzentrum in Deutschland, ein weltweit beachteter Wirtschafts- und Innovationsstandort, global die einzige deutsche Stadt unter den Top 10 bei Startups. Münchens Wirtschaft – vom Freiberufler und Handwerker über das Startup bis zum Dax-Konzern – braucht deshalb eine Verwaltung, die sich als Dienstleisterin und Ermöglicherin versteht.
Ich will deswegen gemeinsam mit der Münchner Wirtschaft und dem Referat für Arbeit und Wirtschaft, dem IT-Referat und dem Kreisverwaltungsreferat schnellstmöglich einen Aktionsplan für Bürokratieabbau ins Leben rufen.
Auch wenn viele gesetzliche Vorschriften aus Freistaat und Bund schnelles Handeln ausbremsen: Wo immer kommunaler Spielraum besteht, soll er für schnelle Entscheidungen genutzt werden. Die Beschwerde über langsames Verwaltungshandeln soll wieder zur Ausnahme werden und nicht die Regel bleiben, und dafür müssen wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Verwaltung aber auch mit dem entsprechenden Mandat ausstatten!
Sehr geehrte Damen und Herren,
Aufbruch und Erneuerung, das waren die Schlagwörter der letzten Wochen und auch des Wahlkampfs. Und ich glaube, nichts passt besser dazu als ein großes Ziel wie Olympia.
Nicht nur, dass wir uns auf der Weltbühne als die Weltstadt mit Herz zeigen können, die wir sind oder als Sportstadt. Olympia wäre ein Booster für all die Infrastrukturprojekte, die wir in München so dringend brauchen.
Ich wurde jetzt bestimmt schon ein paar Dutzend Mal gefragt, ob ich mich darauf freue, dem bayerischen Ministerpräsidenten die erste Maß auf der Wiesn zu überreichen. Tue ich – und ich hoffe, dass wir dann auf die erfolgreiche Münchner Kandidatur als internationale Bewerberstadt anstoßen können, die kurz darauf im September gekürt wird.
Auf jeden Fall will ich an dieser Stelle schon mal danke sagen, ich glaube, ich habe Innen- und Sportminister Joachim Herrmann in den letzten Wochen bei diversen Olympia-Terminen häufiger gesehen als Teile meiner Familie, und auch mit der Staatskanzlei gibt es einen regen Austausch.
Wir ziehen mit aller Kraft an einem Strang und wenn wir den Zuschlag erhalten und die internationale Bewerbung starten, dann kann eine neue Dynamik entstehen in der Stadt, ein gemeinsamer Geist – wie es ihn vor den Sommerspielen 1972 in München schon einmal gab. Und auch wenn unsere Mitkonkurrenz in Deutschland gute Bewerbungen auf die Beine gestellt hat: Auf der internationalen Bühne wäre nur eine Bewerbung wirklich aussichtsreich. Und das ist die bayerisch-münchnerische!
Sehr geehrte Damen und Herren,
mir – und so geht es wohl allen Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfern hier – haben in den letzten Wochen und Monaten viele Münchnerinnen und Münchner ihre Wünsche mitgegeben. Wünsche nach einem optimistischen und positiven Blick in die Zukunft – aber auch pragmatisch im Sinne der Stadt und nicht immer nur entlang parteipolitischer Programme zu agieren.
Dieser Ball liegt jetzt bei uns. Uns zum Start der kommenden Periode zu hinterfragen, ob es wirklich jeder so liebgewonnene Kulturkampf wert ist fortgeführt zu werden. Ob ein zehn Zentimeter breiterer Radweg oder ein Parkplatz wirklich der Untergang des Abendlandes sind – in die eine wie die andere Richtung.
Ich glaube, gerade angesichts der Dimension der Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, steht es uns gut zu Gesicht, Gräben zu überwinden und Kompromisse zu suchen.
Der Stadtrat ist kein Parlament, sondern ein Kollegialorgan, ich werde deshalb als Oberbürgermeister alle demokratischen Parteien einbinden. Jede Initiative und jeder Beitrag, um das Wohl Münchens und seiner Bürgerinnen und Bürger zu mehren, ist erwünscht und wird meine Unterstützung haben, gleich von welcher Seite er kommt.
Es gibt für mich allerdings auch eine klare Ausnahme.
Keine Kompromisse oder falsche Toleranz, sondern eine klare Haltung wird es mit mir geben, wenn es um Hass und Hetze geht. Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus, Ableismus, Hass gegen Muslime, gegen Frauen oder gegen LGBTIQs dürfen in unserer Stadt keinen Platz haben.
In München haben fast 50 Prozent der Menschen Migrationsgeschichte oder keinen deutschen Pass. Sie sind Nachbarn, Freunde, Ehepartner oder Kollegen. Sie sind ein wertvoller Teil unserer Stadtgesellschaft und ich werde jeden Versuch, diese Menschen abzuwerten oder auszugrenzen, bekämpfen, und zwar ganz gleich, wo er politisch herkommt. Darauf können Sie sich verlassen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir starten in schwierigen Zeiten in eine neue Stadtratsperiode. Ich glaube, wir können – oder genauer gesagt – müssen trotz der genannten schwierigen Umstände einen neuen Aufbruch schaffen. Unsere Stadt und unsere Verwaltung modernisieren, die Grundlage für eine dauerhaft verlässliche Daseinsvorsorge bis in die 30er Jahre hinein schaffen und damit ein lebenswertes München für alle bewahren.
Ein München, das frei und weltoffen ist, sozial und ökologisch, wirtschaftlich stark, mit Chancen für alle, ein München, das sich seiner Schönheit bewusst ist, das seine Traditionen pflegt, sich aber gleichzeitig immer wieder neu erfindet. Eine Kultur-Stadt im Herzen eines freien und liberalen Europas oder wie Hans-Jochen Vogel es vor 65 Jahren formulierte: eine Weltstadt mit Herz.
Ich möchte mich bei allen bedanken, die genau dafür arbeiten. Und ich will mich bedanken bei den Münchnerinnen und Münchnern, die das Vertrauen haben, einem jungen Politiker Verantwortung für das höchste Amt in München zu übertragen, es ist mir eine große Ehre.
Und ich möchte mich bei meinem Vorgänger Dieter Reiter bedanken, der München über zwölf Jahre auch durch schwerste Krisen gut geführt hat und eine Stadt übergibt, die eine der schönsten und lebenswertesten ist, die es gibt.
Auf die kommenden sechs Jahre, alles Gute!“