Gedenken an die Opfer der NS-Zeit

Veranstaltungen rund um den 27. Januar laden zum Erinnern und Informieren ein - erstmals stehen in diesem Jahr ver­folgte sexuelle Minderheiten im Mittelpunkt

24. Januar 2023

Internationaler Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Oberbürgermeister Dieter Reiter legt am Holocaust-Gedenktag 2020 persönlich den Kranz für die Opfer des Nationalsozialismus am gleichnamigen Platz nieder.
Michael Nagy
Oberbürgermeister Dieter Reiter legt am Holocaust-Gedenktag 2020 persönlich den Kranz für die Opfer des Nationalsozialismus am gleichnamigen Platz nieder.

Am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, legt die Stadt alljährlich einen Kranz am Platz der Opfer des Nationalsozialismus nieder. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt des Gedenkens erstmals auf den Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verfolgt wurden.

Rund um den Gedenktag finden verschiedene Veranstaltungen statt. So übergibt die Stadt am 27. Januar ein Erinnerungszeichen an August Gänswein, der als Homosexueller von der SS ermordet wurde (siehe nächsten Artikel).

Noch bis 21. Mai widmet sich das NS-Dokumentationszentrum mit der Ausstellung TO BE SEEN. queer lives 1900-1950 den Geschichten von LGBTIQ*. Am 28. Januar um 11 und 15 Uhr und am 29. Januar um 12 und 15 Uhr finden Führungen statt, um 14 Uhr auch in leicht verständlicher Sprache.

Zudem zeigen Rundgänge durch die Ausstellung München und der Nationalsozialismus Strukturen der Ausgrenzung und Verfolgung unterschiedlicher Opfergruppen auf. Sie finden am 28. Januar um 13 Uhr und am 29. Januar um 11 und 14 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos, die Plätze werden ab 15 Minuten vor Beginn vor Ort vergeben.

Der Zeitzeuginnenabend im Jüdischen Museum ist bereits ausgebucht, wird aber aufgezeichnet und im Nachgang veröffentlicht.

Die Münchner Volkshochschule widmet sich dem Gedenktag mit einer Podiumsdiskussion mit Angehörigen Ermordeter. Sie findet am 28. Januar von 19 bis 20:30 Uhr im Einstein 28 statt. Der Eintritt ist frei, eine Platzbuchung unter mvhs.de ist nötig.

Und das Münchner Stadtmuseum informiert in einer Dauerausstellung über die Grundlagen des Nationalsozialismus in München.

Erinnerungszeichen auf Augenhöhe

Bürgermeisterin Katrin Habenschaden, hier bei der Übergabe der Erinnerungszeichen für Irma Hecht, Dr. Eugen Doernberger und Dr. Hermann Raff, wird auch die Wandtafel für August Gänswein anbringen.
Tom Hauzenberger
Bürgermeisterin Katrin Habenschaden, hier bei der Übergabe der Erinnerungszeichen für Irma Hecht, Dr. Eugen Doernberger und Dr. Hermann Raff, wird auch die Wandtafel für August Gänswein anbringen.

Mit Wandtafeln und Stelen erinnert die Stadt an das Schicksal von NS-Opfern

August Gänswein, geboren am 23. März 1891 in Riedern am Wald, ermordet am 22. Januar 1942 in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz – ihm gibt die Stadt mit einem Erinnerungszeichen an seinem ehemaligen Münchner Wohnort in der Müllerstraße 34 seinen Platz in der Stadtgesellschaft zurück.

Der Unternehmer August Gänswein wurde wegen seiner angeblichen Homosexualität von der SS verfolgt, im Konzentrationslager für arbeitsunfähig erklärt und mit Giftgas ermordet.

Am 27. Januar um 15.30 Uhr findet für ihn eine Gedenkveranstaltung im PlanTreff in der Blumenstraße 31 statt, um 16.30 Uhr wird dann sein Erinnerungszeichen in der Müllerstraße 34 übergeben.

Erinnerungszeichen werden an Orten angebracht, an denen Menschen lebten, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Sie bestehen aus gebürstetem Edelstahl und sind vergoldet. Es gibt sie als Wandtafeln an der Fassade und als Stelen auf öffentlichem Grund. Sie enthalten die wichtigsten Lebensdaten, Angaben über das Schicksal und, falls vorhanden, auch ein Bild.

Wer selbst ein Erinnerungszeichen beantragen will, findet unter erinnerungszeichen.de alle wichtigen Informationen wie auch ausführliche Biografien von den Frauen, Männern und Kindern, für die es bereits Erinnerungszeichen gibt.

Erinnerungskultur lebendig gestalten

Michaela Melián verhüllte den Neptunbrunnen mit dem Bild „Die Trauernde“ der jüdischen Künstlerin und NS-Opfer Maria Luiko.
Tobias Hase
Michaela Melián verhüllte den Neptunbrunnen mit dem Bild „Die Trauernde“ der jüdischen Künstlerin und NS-Opfer Maria Luiko.

Neue Abteilung „Public History“ stärkt die kommunale Geschichtsarbeit

Stadtgeschichte sichtbar machen und kritisch wie auch zeitgemäß damit umgehen – das ist das Ziel der Abteilung Public History München im Kulturreferat. Neben städtischen Institutionen, wie etwa dem NS-Dokumentationszentrum oder dem Münchner Stadtmuseum, trägt der Fachbereich zur lebendigen Erinnerungskultur der Stadt bei.

Public History fördert, forscht, berät, vernetzt und vermittelt. Die Abteilung arbeitet seit letztem Januar und ist im Dezember mit weiteren Mitteln ausgestattet worden. Dabei geht es dem Bereich darum, die Erinnerung und das Leben vor Ort zusammenzubringen. So entstand etwa die gerade sichtbare Verhüllung des in der NS-Zeit erbauten Neptunbrunnens im Alten Botanischen Garten oder die Film-Tanz-Theater-Performance Um 2 Uhr nochmal Kaffee, die Jugendliche im schwere reiter aufgeführt haben. Wer selbst stadtgeschichtliche und erinnerungskulturelle Projekte umsetzen will, kann sich an Public History per E-Mail oder per Telefon unter 233-24435 wenden.

Die Stelle verantwortet auch bereits etablierte Formate wie die Erinnerungszeichen, die Kulturgeschichtspfade, Gedenkveranstaltungen wie jene zum rechtsterroristischen Oktoberfest-Attentat oder den Georg-Elser-Preis. Eigenständige Forschungsarbeiten wie etwa zur Stadtverwaltung im Nationalsozialismus wie auch der Umgang mit historisch belasteten Straßennamen sind ebenfalls Teil ihrer Aufgaben.

Information

Die Stadt informiert

„Die Stadt informiert" erscheint immer dienstags in der Süddeutschen Zeitung und im Münchner Merkur. Dieser Beitrag ist vom 24. Januar 2023.