Gedenken am 9. November

Jeder Mensch hat einen Namen. Zum Gedenken anlässlich des 84. Jahrestages der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938

Jeder Mensch hat einen Namen

Gedenken anlässlich des 84. Jahrestages der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938
Stadtarchiv München

Zum Gedenken anlässlich des 84. Jahrestages der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938

Am 9. November gedenkt die Landeshauptstadt München alljährlich ihrer jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die in der Pogromnacht 1938 und in den darauffolgenden Jahren entrechtet, verfolgt, deportiert, in den Suizid getrieben oder ermordet wurden. In diesem Jahr stehen alle Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen des medizinischen und pflegerischen Personals der Israelitischen Privatklinik e.V. im Mittelpunkt des Gedenkens, die vor 80 Jahren am 3., 4. und 5. Juni 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und ermordet wurden.

Die Namenslesung und die Gedenkstunde finden im Alten Rathaus statt und werden live unter www.gedenken9nov38.de übertragen.

10.00 bis 11.30 Uhr | Namenslesung im Alten Rathaus

Um die Erinnerung an die Einzelschicksale der Schoah im Bewusstsein der Menschen zu bewahren, finden eine Lesung der Namen, Briefe, Dokumente und Kurzbiografien der Verfolgten und Ermordeten im Saal des Alten Rathaus sowie ein gemeinsames Gebet am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße statt. Die diesjährige Namenslesung ist den 1942 im Ghetto Theresienstadt ermordeten Patientinnen und Patienten und Angehörigen des medizinischen und pflegerischen Personals der Israelitischen Privatklinik e.V. gewidmet. Die Lesung wird eröffnet von Kulturreferent Anton Biebl. Es lesen außerdem Claudius Blank (Stadtbrandrat und Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr München), Michael Dibowski (Vizepräsident des Polizeipräsidiums München), Gesa Hollauf, (Oberstudiendirektorin und Schulleiterin des Städt. Luisengymnasiums), Mareile Müller (Oberstufenkoordinatorin des Städt. Luisengymnasiums), Petra Reiter sowie Schülerinnen und Schüler des Städt. Luisengymnasiums.

Anmeldung zur Namenslesung bis 2.11.2022 unter anmeldung-veranstaltung@muenchen.de

11.30 Uhr | Gedenkzug zum Gedenkstein

Der Gedenkzug startet am Alten Rathaus und endet am Gedenkstein an der Herzog-Max-Straße hinter dem Münchner Künstlerhaus.
Rabbiner Shmuel A. Brodman: El Mole Rachamim (Gedenk-Gebet)

Die Teilnahme am Gedenkzug ist ohne Anmeldung möglich.

19.00 Uhr | Gedenkstunde im Alten Rathaus



Zur Gedenkstunde im Alten Rathaus sprechen Dieter Reiter (Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München) und Dr. h.c. Charlotte Knobloch (Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern).

Prof. Dr. Sybille Steinbacher (Direktorin des Fritz Bauer Instituts und Inhaberin des Lehrstuhls zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Goethe-Universität Frankfurt am Main) hält die Gedenkrede zum Thema „Theresienstadt. Alltag unter ständiger Bedrohung“.

Der Beitrag der Jugendlichen Noa Kaminer (Realschule Huber) und Vukašin Močević (Michaeli-Gymnasium) hat den Titel „…weil es uns alle angeht“. Julia Cortis und Thomas Höricht lesen aus letzten Briefen Deportierter und Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Der Abend wird vom Shalom Ensemble musikalisch umrahmt.

Anmeldung zur Gedenkstunde bis 2.11.2022 unter rueckmeldung-veranstaltung@muenchen.de

Die Teilnahme ist kostenfrei. Weitere Informationen sowie das Begleitprogramm zum Gedenktag finden Sie unter www.gedenken9nov38.de .

Veranstalter: Die Gedenkveranstaltung wird organisiert von der Arbeitsgruppe „Gedenken an den 9. November 1938“ unter der Schirmherrschaft des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter.

Das Novemberpogrom 1938 und seine Folgen

Verkohlter Dachbalken der Synagoge „Ohel Jakob“ in der Herzog-Rudolf-Straße
Stadtarchiv München
Verkohlter Dachbalken der Synagoge „Ohel Jakob“ in der Herzog-Rudolf-Straße

Die Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße brannte, Geschäfte und Privatwohnungen wurden zerstört, jüdische Menschen in die Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Im November 1938 erschütterte eine ungeheuerliche Welle der Gewalt die jüdischen Gemeinden und Familien in Deutschland. Die sogenannte „Reichskristallnacht“ war ein neuer, in seiner gewalttätigen Zuspitzung beklemmender Höhepunkt der nationalsozialistischen Aggression gegen die jüdische Minderheit. Schon seit 1933 hatten die Maßnahmen des NS-Regimes Angst und Verzweiflung über jüdische Männer, Frauen und Kinder gebracht. Extrem belastend – körperlich wie emotional – waren die rassistische Diffamierung, der entwürdigende Ausschluss aus der Gesellschaft und die Verweigerung eines Lebens in existenzieller Sicherheit. Die Ereignisse vom November 1938 markieren den Beginn einer mörderischen Radikalisierung der Verfolgung.

Die Gewalttaten gegen die jüdische Minderheit, die am 9. November 1938 einen ersten Höhepunkt erreicht hatten, mündeten ab 1940 in die systematische Ermordung der Jüdinnen und Juden in ganz Europa. Aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar waren im September 1940 die jüdischen Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz deportiert worden, im November 1941 wurden rund 1000 Frauen, Männer und Kinder aus München in Kaunas in Litauen erschossen. Im April 1942 wurden Hunderte nach Piaski in Polen deportiert und im Sommer begannen die Deportationen nach Theresienstadt in der von Deutschland besetzten Tschechoslowakei. Insgesamt wurden rund 3.400 Jüdinnen und Juden aus ihrer Heimatstadt München nach Kaunas, Piaski, Theresienstadt und Auschwitz deportiert und ermordet.

Die Münchner Stadtgesellschaft reagierte auf all das nicht. Der notwendige Aufschrei der Empörung über dieses ungeheuerliche Verbrechen blieb aus. Das Wegsehen und Schweigen machten das Verfolgungs- und Vernichtungswerk des NS-Staates möglich.